Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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Kunstlitteratur.

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Ouattrocento iiberhcmpt schwcrlich ein Bild findcn,
in welchein die koloriltischen und zeichnerischcn A»s-
drucksforoien zn svlcher Hvhe und Reife gcstcigert
wvrden wären, wie ciuf den, Berliner Gemülde. Hat
uicm sich nber einuial dafiir entschiedeu, dic Ent-
stehungszcit dieses Pilkes um fünfzehu vdcr zwauzig
Jahre spater anzusctzen, als es Bode gethan hat, sv
wird das Rälsel, wclches uns die obcre Hälfte der
Kompositivn aufgiebt, noch größer und schwieriger zu
lvsen. Auch Bode giebt zu, daß dieser unbegreistich
und unerklärlich schwache Christus „sich am wenig-
stcn mit Livnardo ziisammeiircimcii" läßt. Er glanbt
jedvch, daß „die Verschiedenhcit, das Uncisieuliche dcr
Christusfigur wcsentlich in der Situation" des „wie
ein Pfeil aufschießcndcn Kvrpcrs" liegt. Es ist schwer
zu glauben, daß Lionardo zu einer Zeit, wv cr sicher-
lich das erhabene Christusideal, welches iu seinem
Abendmahle erscheint, bercits festgestellt hatte, cinen
Christns schaffen konnte, der in sciner süßlicheu Manierirt-
hcit an gewiffe Figuren ans dcr Schule Cvrrcggiv's
erinncrt. Nvch auffälliger wärc dicscr Christus, wcnn
das Gcmälde erst nach dem Abendmahl, d. h. im
16- Jahrhundert, eutstanden sein svllte. Dann würden
sich doch sehr ernste Bedenken gegen die Autorschaft
Livuardo's erhebcn lasscn. Diese, svwie die Bvdcsche
BewcisfUhruiig, zu prüsen, muß der allgcuiciucn Dis-
kussion Uberlasscn bleiben. Daß das Bild aus der
Schule Lionardo's hervorgegangen ist, kann nicht
zweifelhaft sein. Auch läßt die großartige Konzeption
der beiden Heiligenfiguren vermuten, daß ein Meister
ersten Rnnges, viellcicht Livnardo selbst, an dem Ent-
wurfe tcil gehabt habe. Jedenfalls hat Bvde das
Berdienst, ein interessantes Thema in Anregung ge-
bracht zu haben, welches hoffcntlich zu einer größeren
Klärung über die Eigentümlichkeitcn des Lionardcsken
Stiles Anlaß gebcn wird. Dic Direktiou dcr Ber-
liner Gemäldegalerie könnte selbst den erstcn Schritt
dazu thun, wenn sie zunächst eine Aussteltung von
Photvgraphien nach Gemälden und Zeichnungen des
Meisters veranstaltete. Sl-olf Rosenbcrg.

Aunstlittercitur.

Gruß vcmi Llbstraud. 25 Lichtdrucke nach Originalcn
Dresdencr Künstler. Heransgegeben zum Besten
des sächsischen Küiistlcruntcrstützungsvereiiis von
dcr Dresdencr Kllnstgcnvffenschaft. Drcödcn, Ver-
lag von Adolf Gutbier.

Man kann dieser Sammlung vou Lichtdrucken,
welche Gemälde, Aguarelle, Feder- und Kreidezeich-
nungen klar und sauber reprvduzireu, nachsageu, daß
sie sich uicht alleiu dnrch den guten Zwcck empfichlt.
Die Künstler, wclche sich an derselbcn beteiligt habcn,

U»d bestrebt gewescn, Blätter beiziisteuern, die uicht
nur an und fiir sich dnrch ihren künstlerischcn Wcrt
fcsseln, svnderu auch die Eigcuart jedcs Einzclncu
treffend charakteri>ircn. So gicbt dic Sainmliing zu-
gleich einen llberblick übcr die Strömungen, Ivelchc
gegenwärtig in der Dresdcncr Vtalergcnvffcnschast
herrschen. Wir machen dabei die crsreuliche Vcvb-
> achtuug, daß Dresdcu heute die einzige Kunststadt
Teutschlands ist, wclche sich nvch eincn sesten Zu-
sammenhang mit jencr idealen Richtung in dcr deut-
schen Kunst crhaltcn hat, wclche mau gewöhnlich als
den neudentschcn Klassizismns bezeichnet. Jn gcwisscni
Sinne gehört anch Ludwig Richter, welcher die Rcihc
der Blätter mit vier sciuer liebcnswürdigeu Zeich-
nungen aus dem Volks- und Fainiliculcben eröffuet,
dicser Richtung an. Thcodvr Grvsse ist ein Schüler
Bcndeiiiaiius, Paul Kicßting ein Schüler Schnvrrs.
H. Hvsmaiin hat bei Hildcbrand und Schadvw,
GuidoHammcr und JuliuSScholtz habcu bci Julius
Hübncr gelernt, und sclbst Oskar Pletsch dars sich
dicser Gruppe zuzählen, locil Bendcmaun seiu Lehrer
war. E. Leonhardi, Adolf Thvmas und Erwin
Oehme sind Schüler Ludwig Richters, Friedrich
Preller cin Schülcr seiues Vaters, uud damit haben
wir die Hälfte der in der Sainmlung vertretenen
Küustler ansgezählt. Auch Friedrich Nentsch, der
eincn Bacchuszug im Stile Genclti's beigesteuert hat,
W. Claudius und der Landschaftsmaler C. W.
Miiller huldigcn nicht dein moderneu Rcalismus.
Selbst die Anhänger des letzteren, svweit sie sich an
dem Album beteiligt haben, bewegen sich in maßvollen
Grenzen, so daß selbst die Arbeiten von Ferdinand
Pauwels — ein prächtiges Blatt: Luther und Me-
lanchthvn in der Studirstnbe — und Lcvn Pohle
sich harmonisch der ganzen Sanimtung einreihen. Nach
eincm Entwurfe Vvn Hvfrat Graff ist sttr dieselbe
eine elegante Mappe mit Rocvco-Ornainentik ange-
fertigt worden. A-olf Noscnberg.

Geschichte der neuereii deutschen Ruiist. Nebst Ez-
kurscn über die parallcle Kiinstentwickelung der
übrigen Länder geriiianischen und romanischen
Stammcs. Unter Mitwirkung von Fr. Pecht
bearbeitet Vvn Franz von Neber. Zweite Auflage.

Z Bände. Leipzig, H. Haessel. 8.

Während die crstc, vvr neuil Jahrcn crschienene
Auflage dieser Geschichte der neuercn Kunst sich das Jahr
dcr Wiener Weltaiisstetliliig, welche demVerfasser cinen
großeu Teil seincs Anschauungsmaterials geliesert,
zum Ziel gcsetzt hatte, ist diesc neuc Auflagc bis aus
die Gegenwart ausgcdehnt und demgemäß erheblich
crwcitert wvrden. Diese Erweiterung crstreckt sich vor-
nehmlich auf die Darstellung der außerdeutschen Kunst,
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