Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

Seite: 601
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Kunstlitteratur.

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Betonung ihrer hervorragenden Wichtigkeit sür atte
Studienzwecke. Die eigenen Einkünste der Bibliothek
aus einem von Mitgliedern gestifteten Fonds von
7000 Dollars reichten trotz eines Zuschusies von
500 Dollars aus allgemeinen Museumsmitteln kaum
zur Befriedigung auch nur der allerdringendsten Er-
fordernisse hin. Angaben über die Frequenz der Samm-
lungen und der Bibliothek sind leider im Bericht nicht
cnthalten. Jm ganzen ist das Bild, welckes dersclbe
vom Museum und seiner Thätigkeit entwirft, ein Lber-
aus ersreuliches, und man kann sich den guten Wün-
schen nur anschließen, welche der Vorstand am Schlusse
für das fernere Gedeihen des Jnstituts ausspricht, —
wenn wir Europäer auch mit Bangen der Zeit ent-
gegenschen mllssen, wo die amerikanischen Mittel uns
die Erwerbung von Kunstwerkcn noch schwieriger machcn
werdcn als bisher.

Aunstlitteratur.

<8riechjsche Götter- und Lseldengestalteii. Nach an-
tiken Bildwerken gezeichnet und erläutcrt von Prof.
3os. Langl. Mit kunstgeschichtlicher Einlcitung von
Prof. Or. Carl von Lützviv. Wien, Alfr. Hvldcr.
Liefg. I und 2. 1885. Fol.

Dcr ausgezeichnete vsterreichische Schulmann,
bessen unermüdlicher Thätigkcit wir die trefflichen
Wandtafeln für den kunst- und kulturgeschichtlichen
Untcrricht in Mittclschulcn verdanken, bietct in dem vor-
liegcnden Untcrnehmcn der Schulwelt eine nene Bc-
rcicherung dcs Anschauungsmaterials, wie sie nur mit
Hilfe der vorgeschrittenen technischen Reproduktions-
ȟttel unscrer Zeit in dicser Vollendiing hergestcllt
wcrdcn konnte. Es ist eine Galerie der hervorragcnd-
sten Göttcr- und Hcroengcstaltcn dcs Altertums, in
Lichtdruckcn nach Originalzeichnungen des Heraus-
gebers, von einem ausführlichen Text begleitet, wclcher
>nit zahlreichen, ebenfalls von Langl selbst gezeichncten
und in Zinkotypie reproduzirten Abbildungen aus-
gestattet ist. Tafeln, Text und Textillustrationen bilden
svmit ein harmonisches, in einheitlichem Geiste gedachtes
und von derselben kunstgeübten Hand ausgeschmücktes
Ganzes, welches als die beste Einführung in die Hallcn
der antiken Kunst bezeichnet werden darf, die sich
denken läßt.

Die Tafeln unterscheiden sich vorteilhaft von
srüheren ähnlichcn Wcrkcn dadurch, daß sie dic Bildioerke
nicht nur in bloßen Umrissen, fondern in vollkomnien
durchmodcllirter Zcichnung wiedcrgeben. Es war dcni
Autor darum zu thun, außer dcm Typus, dem Bc-
wegungsmotiv nnd dcm ctivaigen Attribut auch dic
volle Schönheit, gleichsam die plastische Jndividualität
jedes Werkes klar und eindringlich zur Anschauung zu

bringen. Er betont damit von vornherein, daß cs
sich für ihn weniger um den realen als um den idealen
Wert der Darstellnngen handelt, daß er nicht für den
archäologischen, sondern für dcn kllnstlerischen Lehr-
apparat der Schule arbeiten will. Und hierin können
wir ihm nur vollkomnicn beipflichten, um so mehr
als bei unseren Publikationen antiker Kunstwerke
dieser höchste Gesichtspunkt leider iinmer noch viclfach
außer Acht gelasscn wird. Die Tafeln bringcn in
crster Linic die statnarischen Bildungen dcr Göttcr und
Heroen zur Anschauung, soweit sie uns in Originalen
oder guten Siepliken crhalten sind. Zur Vervoll-
ständigung dienen Köpfe, wie z. B. dcr Zeus Vov
Otricoli, und Reliefs, wie die Kanipfscene Vvm perga-
menischeii Gigantcnfries. Den Zeichnungen werden
teils Photographien, teils Gipsabgüffe zu Grunde ge-
lcgt, und sämtliche Details mit gewissenhafter Beob-
achtung der charaktcristischen Stilmomcnte aufs trcueste
durchgebildet. Der von I. Schober in Karlsruhe bc-
sorgte Lichtdruck entspricht allen Anforderungcn, wclchc
man an diese Technik stellen kann. So werden wir
den antiken Olymp hier in würdiger Erscheinung ver-
sammelt finden und sowohl für den Untcrricht in dcr
klassischen Mythologie als auch für die Unterweisung in
denElemcnten derKunstgeschichte desAltertums in Langls
Tafeln ein erlesenes Material besitzen. Die beiden uns
vorliegenden Lieferungen enthalten außer dem schon er-
wähnten Zeus vvn Otricvli die Hera Farnese, die
Pallas Giustiniani, den Hermes des Praxiteles, dic
Amazone und die Ariadne aus dcm Batikan. 2n den
Tafeln wird erst am Schlusse des Werkes dic defini-
tivc Neihenfolge hergestcllt werden. Der Text erschcint
dagcgen glcich in zusammenhängender systematischcr
Darstellung, und zivar so, daß jedcs Göttcrwesen
seinem Grundbegriffe nach erörtert und in der Mannig-
faltigkeit sciner Ausfassung und plastischen Verkörperung
dargestellt wird. Langl schließt sich in dem mytho-
logischen Teile des Textes hauptsächlich an Welcker und
Preller an, weiß vornehmlich die poetischen Mvmente
der Sage und dcren Beziehungen zur Kunst sein
herauszufühlen und zieht bei der künstlerischen Er-
örtcrung der Göttertypen und bei der Darlegung ihrer
Geschichte die Resultate der neuesten Forschung fleißig
in Betracht. Als Vorbildcr für dic Textillustrationcn
dienen nicht bloßWerke der großen Plastikund Statuctten,
sondern auch Münzen, Basenbilder u. dergl., welche uns
für die Kenntnis der Originaltypen der Götteridealc und
ihrer Attribute ja das unerläßliche Hilfsmatcrial dar-
bicten. Ein Tcil dicser klcineren Darstellungen ist in
die Anfangsbuchstaben, Kopfleistcn und Schlußvignetten
hineingezvgcn, mit welchen das auch in typographi-
scher Hinsicht musterhaft ausgcstattete Werk reich ge-
schmückt ist.
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