Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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Die Kunst auf der Antwerpener Weltausstellung.

hörte nicht, wcnn der Ausdruck erlaubt ist — verständlich
wird er ja wohl sein —, zu den modcrnen inLrobanck-
ainatsurs. Er war durchaus Sammler vom altcn
Schlage. Jhm kam es nicht sowohl darauf an, vor-
wiegend Bilder hohen und höchsten Ranges und Preises
zu erwerben, die sich gleich von vornherein ganz „klar
nnd spiegelrein und eben" als solche dokumentiren; ihm
geniigte, oder besser, ihn reizte es, neben einer Anzahl
unbedingt cchter, bedeutender nnd seltcner Gemälde
auch jene mittleren Oualitälen bei sich zu beherbergcn,
die noch eine Frage an das Schicksal offen lasten und
immer wieder zu interessanter Forschung und näherer
Bestimmung anregen. Dabei legte er aber jederzeit
ein besvnderes Gewicht auf die Herkunft seiner besseren
Erwerbungen, wie er denn in scinen „Notizen" überall
aufs gewiffenhaftestc die guten älteren Sammlungen

— Franenholz, von Quandt, vr. Haubold, vvn Schlei-
nitz, Thiermann, llngcr, Hildebrand u. s. w. — als
diejenigen hcrvorgehoben hat, dencn die einzelnen seiner
Bilder eutstammten, — sicherlich fest überzeugt, daß
einmal auch die Gemälde seiner eigenen Galerie niit
derselben Pietät in den Katalogen der Späteren ver-
zeichnet werden würden.

Dariu wird er sich auch in gewissein Sinne nicht ge-
täuscht haben. Der Besitzwcchsel ist vollzogen und keiner
der Käufer und dermaligen oder künftigenBesitzer der im
März zu Köln versteigerten Gemälde wird es sich ent-
gehen lasseu, vorkommendcn Falles dic Provenienz scincr
Erwerbnngen auf den Namen „Staatsminister von
Friesen" abzustempeln, überdies aber, besondcrs bei
etwaigem Weiterverkauf, noch ausdrücklich auf Nr. 30
dcr Kunstchrvnik vom Jahre 1885 hinzuweisen, wo
die Bilder der Friesenschen Galerie von einem der nam-
haftesten Kcnner besprvchen worden seien. Nur daß frei-
lich nunmehr neben den wirklichen von Friesenschen
Gemälden auch das, was eigeutlich ein Herr Graf Bau-
dissin zu Schleswig besaß, und hauptsächlich alles das,
was früher dem Herrn ,oto." gehörte — wohl Kollektiv-
Pseudonym sonst nicht ganz unbekannter Händler?

— also z. B-, um ohne Wahl nur einige Nummern
herauszugreisen, der Antonio Canale, den „Herr 3a-
cobsvhn sür 3400 Mlk. kanftc", und der Aart de Gclder,
der nach der Kunstchronik „sür nur 4100 Mk. Eigentum
der Herren Bvurgeois" gewordeu ist, und der „Hvbbema
des 18. Iahrhnndcrts" sür 780 Mk., und der große
Ruisdael von Jakob dem Kleinen, der ein Strumpfwirker
war, und der „schönsie Vertangen, den man kennt", sür
150 Mk., sowie dic Wvuwermans, von denen einer
keiner odcr eigcntlich keiner einer ist, u. s. w. — nur
daß, sage ich, dies alles ebenfalls die obengenannte
Legitimation auswcisen wird, gleichviel ob sich aus
Arger oder Verwunderung darüber die alte Excellenz
vvn Friesen einigemal im Grabe umdrehen möchte.

Laxisuti sat. Mir erübrigt nur noch, der Kunst-
chronik die sechsunddreißig Bilder zu bezeichnen,
welche von den 184 Nummern des Kölner Auktions-
kataloges nicht von Friesensche waren. Es sind
folgende: Nr. 4, 28, 36, 38. 40. 41, 56, 59. 62,
63, 64, 66, 67, 72. 73. 87, 94. 95. 113, 114, 125,
132, 137, 138, 143, 148, 159, 166, 170, 176. 177,
28»>, 113a, 178», 178b, 179a.

Mit größter Hochachtung
Dresden, im Mai 1885. Schubart.

Dio Aunst auf der Antworpencr Woltausstcllung.

(Schluß.)

Im Genrcbildc steht Passini mit seiner köstlichen
Aguarelle „Kürbisverkäuser an der Lagune in Venedig",
ferner Defregger mit seinem „Zitherspieler auf der
Alm" durchaus voran. Schon durch den Maßstab tritt
R. Ernsts ebenfalls schon durch den Holzschnitt be-
kannt gewordenes Bild: „Der Theaterbrand" hervor.
Jn Paris gemalt, steht es mit seinem stellenweise recht
inhaltlosen Pathos ganz unter dem Einfluß französi-
scher Vorbilder, mit denen es indeffen eine ungemeinc
Sicherheit der Darstellung gemein hat. Eine eigen-
lümliche Verbindung von Genre und Allegorie erreicht
V. Hynais in zwei großen, der Verherrlichung der
Musik gewidmeten Bildern. Auf jedeni derselben sitzt
eine musizirende Dame von durchaus modernem Ge-
sichtsausdruck, über der ein Eros schwebt. Jn dem
einen Fall sind dieser Dame Flügel auf dem Rücken
gezeichnet und das Gewand ist ein ganz ktein wenig
in ideale Falten geworfen, so daß dadurch die äußeren
Attribute eines Genius der Musik gegeben sind. Jn
diese allegorischen Darstellungen sind die dem srischen
Leben entlehnten Zllge eines gedankenvollen, schönen
Frauenantlitzes mit iiberraschender Anmut hinein-
getragen. ^ Das historische Genrebild ist durch Makarts
„Siesta am Hose der Medici" repräsentirt. Die Land-
schaftsmalerei ist mit bedeutenderen Hauptwerken nicht
vertreten. Robert Ruß hat eine auf Motive ans
alten holländischen Gemälden zurückgehende Küsten-
landschast ausgestellt, die indeffen im Vergleich zu den
hier ganz ausgezeichneten Landschaften der holländischen
nnd belgischen Künstler zurückstehen muß.

Die beiden letztgenanntcn Schulen unterscheiden
sich hier rccht wesentlich von einander. Jn der Land-
schast allerdings, vor atlem in den Marinebildern, giebt
es in beiden Schulen eine Reihe von Malern, in deren
Werken die Erinnerung an die großen Landschafts-
maler der vlämischen und holländischen Schule in
gleicher Weise fortlebt. Jn allem anderen aber gehen
sie wesentlich verschiedene Wege. Die neueste hollän-
dische Malerei, im Vergleich zur belgischen Schule die
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