Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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Botticelli's Dante.

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ist dies in seincn übrigen basselbe Thenia behandeln-
den Gemälden der Fall. So in den beiden Bildern
dcr Akademie zu Florenz und in dein Gcmälde der
Galcrie Corsini zu Nom. Ein fünftes, bis 1860 in
Ravenna bewahrtcs Gemälde ist anf dcr Scereise
nach England dnrch Schiffbruch verloren gegangen.
Jn den Fresken des Jüngsten Gerichtes zn Orvieto ist
von Fiesole nur die Decke init dcin Tribunal nnd den
Engeln vollendet worden. Das Berliner Bild wurde
im Jahrc 1818 durch den Kardinal Fesch im Besitze
eines rvmischen Bäckermeisters entdcckt, sür den der
höllischc Backofen von besondcrem Jnteresse sein mochte.
Dcr Kardinal erwarb es sür scine Galerie. Hicr
zeichnete es 1837 Ernst Fvrster. Ein Stich nach dessen
Zeichnnng von Hermann Schütz erschien in Fvrsters
„Lcben und Wcrke Fiesole's", eine Kopie desselben
vvn H. Walde in Fvrstcrs „Geschichte der italieni-
schen Malcrei" II, 21—24, cine zweite Kopie mit
dcm Monogramin I! ck ? 1864 in Miß Jameson und
Eastlake's „I1i8korz- ok onr 1-orä" II, 414. Nach
dem Todc des Kardinal Fesch kam das Bild in den
Besitz Lucian Bonaparte's, dann in den des Lord
Warv in Dndley-House, von wo cs jctzt an die
Berliner Galerie verkaust ist. Die Komposition
deö Gemäldes blcibt natnrgcmäß in der Hauptan-
ordnung in denjenigen Traditionen befangen, die
jede ccht kirchliche Kunst bewahren muß. Wenn die
religiöse Malerei zum Herzen dcr Menge sprechen
wollte, suchte sie zu allen Zeiten ihren Stoff inöglichst
iu derselbcn Weise vorzutragen, wie er dcn Geincin-
dcn von frühen Kindertagen an vertrant war. So
ist auch hier oben auf dcn Wvlken der hlinmlische Ge-
richtshof dargcstellt. Anf eincm Friedhof darunter
werdcn uach dem Gleichnis von den Schasen und
Böckcu dic Gutcn zur Ncchteu, die Bösen zur Linken des
Weltrichters aufgestellt. Trotz dieses cine synimetrischc
Bchandluug förmlich heraussordcrudcn Schcma's hat
Fiesvle hier dic vvlle Freihcit in dcr Grnppirung be-
wahrt. Dcr ganze Apparat von Höllcn- uud Tenfels-
gualeu, dcu das Programm dcs Bildes uuu einmal
von ihm vcrlaugtc, ist aus ciueu verhältnismäßig gc-
ringen Naum beschränkt und tritt durch verschwindcnd
klein gezcichnctc Figurcn durchaus zuriick. Dic Hölle
läßt indes an Bollstäudigkeit nichts zn wiinschen übrig.
Ju sicbeu Abteilungen werdcn die eiuzelueu Todsündeii
mit den gcläusigeu Strafen behandelt. fast in dersclben
Grnppirung wic a»f den beiden Bildcrn Fiesole's in
dcr Akadcmie zu Florcuz, doch im Maßstabe mchr als
dvrt zurücktreteud. Der Jnhalt der einzelucn Scenen
solgt ganz dem durch daS große Freseogemälde im
Cainposanto zu Pisa gegebenen Beispiele, uur daß
die Eriunerung daran hicr wescntlich verblaßt ist. Dcr
dei» Fiesole cigcne Mangel iu der drainatischen Er-

fassung solcher Vorgänge tritt bei dem gcringen Maß-
stabe hicr uicht stark hervor. Die ganze Aufmerksamkeit
des Beschauers wird auf die gegenübcrlicgende Seite der
Seligen gelenkt, deren Maffen mit einer bei Fiesole
scltcucn Schvnheit der Gruppirung gegliedcrt sind.
Ganz vorn wcrden die Auferstandenen jeder einzeln
von seincm Schutzengel in Empfang geiiomnieii.
Freundc, die einander wiedcrgefundcn haben, licgen
sich in den Armen. Ein Mönch hält die Haud eines
Mädchens gesaßt, ci»e in dieser Unigebnug mit wuuder-
voller Reinheit und Aniiiut einpfundene Seene. NukS
daucben siud die Seligcn mit ihren Schutzengeln in
buntcr Reihe znm Reigen angctreten. Dic Ansfassuug,
uach der dic Auserwähltcn tanzend zum Paradicse ein-
gehen, muß auf dic schou srühzcitig in diesem Sinne
gcdcntete Bibelstelle: „Wahrlich, du wirst nvch hervor-
gehcn aus der Reihe dcrer, die da tanzen" zurückgc-
führt wcrden. Derselbe Gedanke hatte schon in den
Wandgemälden Oreagna's in Santa Maria Novella
zu Florcnz seinen foriucuschöiien Ausdruck gefunden.
Bei Fiesole bildet cr das lcitende malerische Motiv,
das den Eindruck der ganzcn linken Hälfte dcs Bildes
bestimmt. Auch in seinem einen Florentiucr Bilde hat
Fiesole die Scene wiedcrholt. Neu dazu tretcn in dem
Berlincr Bilde indeffen die auf Wolken nach oben gc-
tragcnen Seligen. Dieselben schwcbcn an den Heiligcndcs
Himmcls vorüber, die sich griißend zn ihnen hernieder-
iieigcu. Vou dem Paradiese selber ist nnr die Maner
nnd der aus der gcöffneten Thürc dringcndc Lichtglanz
dargestellt:

„WaS cr mir weise vcrschweigt, zeigt mir den
Meister dcS Stils."

Gcorg Voß.

Botticelli's Dante.')

Von dcr Dantehandschrist mit Zeichunngen des
Sandro Bottieclli, iibcr die in der Zcitschrist silr
bildende Kunst (1883, S. 116 ff.) und >n der Kunst-
chronik (1883, Nr. 5) sosort nach ihrer Erwerbmig
durcb die prenßische Regierung uuter Beigabc von
Jllustrationcn in Holzschnitt und Tondruck ansftthrlich
Bcricht erstattct ward, ist das crste Hcst ciner vou
vr. Fr. Lippinann herausgegebencu Publikation er-
scknencu. Das Heft bringt in cincr sorgfältigen Aus-
wahl dcr schvnstcn Blätter dcr Handschrist den dritten
Teil deö 84 Zeichnungen uinfaffcnden Maunskripls.
Die übrigcn beidcn Drittcl sollen iu Zwischenräuinen

l) Zeichnungen von Sandro Bottieelli zu Dantels Gött-
licher Koinödie. Nach den Originalen im königl. Kupferstich-
kabinet zu Berlin herausgegeben im Auftrage der General-
verwaltung der königl. Museen von Friedrich Lippinann.
Berlin, Grote. l. Abth. Folt >884.
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