Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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Die Festdekoration des Königsplatzes in München bei Gelegenheit der Bismarckfeier.

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Bildwirkerei in ihrer Beziehung zur kirchlichen Kunst
und ihre Pflege durch die Päpste, namentlich durch
"eo X. und durch die unter Clemens XI. in Rom ein-
gerichtete Gobelin-Manufaktur. Der zweite Teil ist
der Beschreibung der neu zu Ehren gekommenen Stücke,
ihrer Gcschichte und ihrer Stellung in der Reihe ähn-
licher Arbeiten gcwidmet. Der stattliche Band (6'srts
^6Ali Xrssri s Is nnovs 6sIIeris äsi 6obelins sl
Vutiesno, in 8 XVI u. 229 S.) zeugt von Kennt-
»is der einschlägigen Littcratur und der Ergebnisse dcr
Pariser Spezialausstellungen 1876 u»d 1882; in bcr
Ausführung darf die Arbcit frcilich nicht mit dem
Biaßstabc ciiier knappcn, wissenschaftlichen Darstellungs-
Wcise gemestcn werden. Bedauerlich bleibt der Piangel
an Abbildungcn, welche sllr das Buch, ivic sür die Kunst-
forschnng und die kunstliebenden Krcise überhaupt die
wertvollste Zugabe gewesen wären.

0—r.

^ie ^estdekoration dcs ilröniZsplcihcs in 2Itünckien
bci Gelegenhcit der Bismarckfeicr.

Ein tadellos iu tausend Spicgcln glänzcnder
Cylindcr ist cines jcden Festaktionärs innerlichlte
Herzensfrcnde. Festaktionär mvchte ich jenc ^-uotc von
Menschen nenncn, ohnc die nun einnial kein Ding
der Öffcntlichkeit vvr sich gchcn kann, ebcnsolvcnig wic
i» Rußland cinc Tausc, Hochzcit oder Bcgräbnis ohne
den obligaten gemietcten General. Sie lansen und
rcnnen geschästig. ohne zu arbeitcn, sprechen in allen
Fragen mit, ob sie nun etwas davon vcrstehen vdcr
nicht — und niachen vor allen Dingen stcts durch
das Hineinwersen ihres Namens in die Wagschalen
rin jeglich Ding möglich oder unmöglick'.

Beim Anschaucn dieser befracktcn und bccplindcr-
ten Festaktionärc nun, wie sic in unserer farblvscn,
vdcn und blöden iiiodcrncn Kleidung inmittcn der
klassischen Architckturen des Königsplatzes standen, stieg
N'ir zum so und sovieltcn Male die Frage auf: Jst's
denn cigentlich im Grundc genonimen Wahrheit, ivenn
ininier iu die Welt hinausposaunt wird: „Sehet, wie
viel Gcschuiack wir habcn." — Beweisen ivir uicht in
tausend Dingen, daß der Sinn sür gute Formen nur
etwas Anerzogenes, nichts Jnnewohnendes, mit Fleisch
und Blut Bcrwachscnes ist!

Allerlei derglcichen Gedanken müsscn cinem zu-
weilen kommen, wenn hie und da dic Kluft allzu weit
wird, und so ging mir's bei der Bismarckfeier. Wind
und Wetter, Sonnenschein und Nebel haben den an-
sänglich hellcn Stein abgetont, in der Farbe weich ge-
macht und wir? — Schwarze Cylinder und dorische
Saulen, weiße Kravatten und faltenreich gekleidete
-vubabläscr — sind das nicht schlagende Parallelen? —

Übrigens wollte ich nicht über die Schneiderei unserer
Tage sprechen, sondcrn über die Festbauten des Königs-

platzcs: ein etwas dankbareres Thema.

Leo von Klenze, der Erbauer der Propyläen, der
Glyptothek, und Ziebland, der dcsAusstellungsgebäudcs,
(siehe die Abbildung), haben schon das Gefühl gehabt, daß
zwischcn den drei Bautcn ein gewisser Zusammcnhang
hergcstellt werdcn müste, svllcn sie als kttnstlerischc Kom-
position eincn einheitlichcn Eindruck hervorbringcn.
Klenze hat auchEntwürfe gemacht zuFlügelbauten, welchc
die Ecktllrme der Propyläen mit den beiden anderen
Gebäuden verbindcn sollten. Waruin die Ausführung
in festcm Material bis heutc unterblieb, vermag ich
nicht zu sagcn; aber jedem, dcr die vvm Architekten
Seidel anfgcsührten Dckorativnsbanten anschaute, muß
das Bedürfnis aufgesticgen sein, eine solche Ergänzung
der Architektur dcs Königsplatzes bleibcnd zu sehcn; ob
nun gerade ganz genau in dcnselbcn Verhältnisten und
Linicn, das ist eine andcre Frage. Jnwieweit die
Form der Obclisken ganz die rcchte war, mag dahin-
gcstcllt bleibcn, ebcnso die Fragc ihrcr Aufstellung den
Gebäuden gegenübcr; abcr eines war entschicden mit
Gcschick gelöst: die Aiifstcllung der elcktrischcn Lichter.
So einfach sich die Sachc ansicht, ein paar Hänge-
lampen anzubringen: nicht jeder wird eS sv cinfach
und geschickt lösen, wic es hier der Fall ivar.

Einc schr fühlbare Liicke in der Dckvration war
das Fehlen eincr eigentlichcn vis triumpüslw, dnrch
die sich dcr Festzug mit scineu hunderterlci Emblc-
men und Fahncn hätte bewcgcn mUsten, eine Art von
Jntroduktion zu dem Ganzen, als desten Finale dic vor
dcm Hauptthore der Propyläen aufgerichtete, glück-
lich aufgebaute Gruppc anzusehen war, deren Kern
die Kolossalbllste dcs Kanzlers bildcte. Eigenllich
ohne grvßen Aufwand von Mitteln war diese her-
gestellt: eine Treppenanlage, rechts und links Posta-
mente mit flammendcn Dreifüßen und i» der Mitte
dcr Kopf des gewaltigen Manncs, uingeben von gol-
dcnem riesigen Lorbeerkranze, allerdiugs auf eincni
Hintergrunde, wie er klassischer nicht leicht anderswo
zu sinden gewescu wäre. Die Büste wie die Biktorien
auf den seitlich von ihr stehenden Obelisken sind vom
Bildhaner W. Niemann mit außerordeiillichem künst-

lerischen Geschick gemacht.

Auf den Ecken der Prvpyläen, dann am Mittel-

bau derselben, auf allcn Pfeilcru der vicrtelkrcisförmi-
< die Leauna

bau verlcioen,

gen Verbindungsbautcn, bei denen leider die Legung
von ansteigcndcn Stuscn untcrblieb, und anf dem
inncren, kleinercn Pfcilcrring, desten Zweck eigcntlich
nicht recht klar ersichtlich, brannten überall in der
äußcrcn Form beinah an antike Dreisüße erinncrnde
Pechpsannen, und daß dies mächtig wirktc, braucht
wohl nicht erst gesagt zu werden; das Auge enipfand
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