Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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Kunstlitteratur.

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thun, Weltausstelliiugen crst 1—2 Moucite nach der auf tausend beläust — was kann charakteristischer
Eröffnung zu besichtigen. sein sür die unabsehbare Vermehrung antiker Kunst-

Antwerpen, den 4. Mai 1885.

Georg Voß.

Aunstlitteratur.

rottiar, D., Ltuäö 8ur tss Iss^tlies dlnnes
attiguss ü rsxrössutations iunsrnires. Mit 4
Taseln. 8^. 160 S. Paris, Ernest Thorin

väitsur 1883.

Die archäologischcn Studieu dcr Franzosen haben
in dem vergangenenJahrzehnt cinen Aufschwung genoui-
inen, der einer kürzlichen Schilderung Homolles zu-
folge viclfach auf das bcgeisterte pcrsvnlichc Wirten
des i»i vorigen Jahre vcrstorbenen Albert Duniout
zurückzufiihreii ist. Aus Dunivnts Antrieb ivurde die
eeole trautzaise in Rvin errichtet, die alte eeols tran-
yaiss in Athen rcorganisirt. Jhin vcrdankt man die
Gründung des athenischen bulletin äe oorrespolläalles
Iiellenigue, welches unter Foucarts Leituug rasch an
Bedeutung gewann und neben Ulrich Köhlers Mit-
tcilungcn des dcutschcu archäologischcn Juslituts du'rch
stofftiche Fiille nnd Reichhaltigkeit einen Ehrenplatz in
der Fachtitteratur behauptet. Diese Zeitschrist ist vor-
wiegend der Mitteilung von Thatsächlichem gewidmet.
Hier erscheincn die Fundberichte über die französischen
Ausgrabungen in Delos, Delphi, Myrrhina u. s. w.,
hier die Berichte über die Reisen, welche die Mitglieder
der sools krnnygiss von Alhen auf den Jnseln des
Archipel, im nördlichen Gricchenland, in Kleinasien
unternehmen, hier die zahlreichen neuen Jnschriften,
welche an allen Orten und Enden, wohin griechische
Sprache sich verbreitete, zu Tage licgen oder zu Tage
konimen. Umgekehrt hat eine andere, gleichfalls durch
Dumont ins Leben gerufene periodische Publikation,
die von Ernest Thorin in Paris verlegte biblioklivgus
äos ooolos kranynisss ä'-ktliönes ot äo Uorno die Be-
stimmnng, selbständige Arbeiten und Untersuchungen
der jungen Archäologen zu Veröffentlichen, welche jenen
beiden Anstalten angehören. Diese Bibliothek ist in
wenig Jahren beträchtlich angewachsen und enthält
Abhandlungen, die sich über die verschiedensten Gegen-
stände röniischer oder griechischer Altertumskunde ver-
breiten. Den dreißigsten Band derselben bildet die
Schrist E. Pottiers, gegenwärtig inaltrs äs oonko-
rsness ü In kaouliö äes Isttrss äs Uonnes, über die
weißen Lekythen der Athener.

Ein eigenes, höchst gelehrtcs Buch llber eine Klasie
griechischer Basen, von welcher vor dreißig Jahrcn
kaum mehr als ein Dutzend Exemplare bekannt war, vor
sünszehn Jahren erst einc Serie von Proben veröffentlicht
iverden konntc, währcnd die Gesamtzahl hente sich leicht

denkmäler, die wir erleben, und sür die Energie, mit
> der die immer weiter sich teilende Forschung sie zu
bewältigcn sncht. Freilich tritt geradc diese Klasie von
Gefäßen unter den Funden Griechenlands so eigenartig,
so bedeutend und auch durch den Reiz mannigfacher Pro-
blenie so anzichend heraus, daß sie eine monographischc
Bchandlung vollauf verdient und rechtfertigt. Keincr
anderen Gattnng von Vasen sind nach Fundort und
Fabrikation so viel Merkmale attischer Kunst uud da-
! mit so viel künstlerische Vorzüge zu eigen. Ledig-
lich zu sepulkralen Zwecken gearbeitct, geben die znr
Aufnahme von Balsam bestinimten schlanken Duft-
gcfäße, die inan dem Toten auf das Paradebett hin-
stellte, auf deu Leichcnzug und in das Grab mitgab,
in ihrem polychrom auf wcißem Kreidegrund ausge-
fllhrten Malereicn ein Bild attiscker Grabsittc, das in
unmittelbarer Liebenswiirdigkeit und vornehmer Hal-
tung, in Leben, Feinheit und Frische der Enipfindung
man darf wohl sagen ebenbürtig neben den höchsten
Überlieferungen gricchischcn Wesens steht. Kunstge-
schichtlich folgen sie auf die schwarzgrundige Malerei
strengen Stiles wie die Gemälde deS Zeuxis und Par-
rhasius auf die großen Bildercyklen des Polygnot und
seiner Kunstgenoffen.

Das französische Talent gefüllig klarer Darstellung
und Buchgestaltung, das uns als eigentümlicher Vorzug
selbst über Längcu hinweghilft, wo der Leserkreis weiter
gedacht ist als unserem wiffenschaftlichen Gefühl ent-
spricht, geht in der Schrift Pottiers Hand in Hand
mit redlicher Vertiefung in den Stoff und einer un-
gewöhnlichen Vertrautheit mit der einschlagenden
deutschen Litteratur. Mit einer übcr die knappe, mit
Absicht viclfach nur andeutende Behandlungsweise sciuer
Vorgänger hinausgehenden Gründlichkeit werden alle
Fragen erörtert, und die ungleich reichere Znduktion
aus dem jetzt zur Verfügung steheuden Material er-
möglicht es, maiiche Jrrtümer zu berichtigen. Der erste
Teil des Buches geht die Religion an, er behandelt
den Totenkultus und die Grabsitte der Athener, soweit
Vorkommniffe derLekythen hierzuAnlaß bieten, und zwar
von der feierlichen Ausstellung des Leichnams auf dem
Totenbette an bis zu der Fülle von Bildern, die vom
jenseiligen Leben und dem Schicksal der abgeschiedenen
Seelen im Volksglauben lebendig waren. Der zweite
Teil des Buches ist der Kunst gewidmet, er untersucht
die Fabrikation der Gefäße und analysirt ihrcn kunst-
gewerblichen und künstlerischen Charakrer. Angehängt
ist eine Beschrcibung von 102 noch unbekannten
Exemplaren, die sich in verschiedenen Sammlungcn
sinden, nnd auf den beigefügten Tafeln verdeutlichen
vier Jnedita bildlich dic ganze Darlegung, deren tcch-
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