Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 20.1885

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Kunstlitteratur.

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hctt, nur derjenige richtig erinessen können, der es vor
etwa zwei Jahrzehnten schvn gekannt, es sei denn, der
sremde Bcsucher halte sich stets gegenlvärtig, daß
Ungarn damals cine siiefmulterlich behandelte Provinz
des vsterreichischen Kaiserreichcs gewesen und heute ein
selbständiger Staat geworden ist.

Aunstlitteratur.

lsanns Müelich und Herzog Albrccht V. von Bayern.

Jnaugural-Dissertation von Max Zimmernianu.

München 1885. 8«.

Schou des vstercn hat man es unternommen, den
Berdiensten Albrechts V. von Baycrn als Staatsmann
und Politiker dnrch eine eingehende Schilderung seines
Wirkens anf dicsen Gebieten die rcchte Würdigung zu
geben; aber immer fehlte cs nvch an einer zusaminen-
fasscnden Darstcllung der künstlerischen Bestrebungen
dieses FUrsten, und gerade diese sind es, denen sein
Name den gvldencn Schiiuiiier, der es umgiebt, ver-
dankt. Hat mau ihn doch mit Lorenzo de' Medici
verglichen und gleich diesem den Prächtigen genannt.

— Daher begriißen wir mit Freuden das Unternehmen
Zimiiiermanns, der aus Grund eingehender archivali-
scher Studien ein Bild der bayerischen Knnstverhält-
niffe unter dcr Regieruug jencs großen Mäcens ent-
werfen will.

Vvrliegende Abhandlung ist ein Teil des Ganzen,
das, wie in der Vorrede bemerkt ist, den Titel: „Die
bildenden Künste am bayerischen Hose unter Hcrzog
Albrecht V." führen und in sechs Kapiteln die Bauten
Albrcchts, die Plastik, Malerei, Hanns Müclich, Holz-
schnitt und Kupferstich und die Goldschmiedekunst be-
handcln wird. Der Sammlungen Albrechts wird nur
vorübergehend gedacht, über sie sindet man ja bei
Stockbauer') und Schauß^) genügende Aufschlüffe.

Das Kapitel iiber Hanns Müelich ist hicr zum
Abdrucke gelangt und ihm ein Teil der Einleitung des
ganzen Werkes vorgedruckt.

Jn glänzenden Farben wird uns die Persbnlich-
keit Albrcchts, des als Monarch wie als Mensch grvß-
artigen Mannes geschildert, von deffen hoher Stirne
wir „die lief innerliche Begeisterung sür die Künste
lenchten sehen", in Kürze seine Stellung zur Reforma-
tivn charakterisirt und dann seincr künstlerischen
Neigungen, unter denen die Musik hervorragte, gedacht.

— Die Schvpfungen, die wir der Kunstliebe Albrechts
danken, deckcn sich durchaus nicht niit dem, was dem

1) Die Kunstbestrebungen am bayerischen Hofe unter
Herzog Albrecht V. und seinem Nachfolger Wilhelni V.
Wien 1874.

2) Historischer und beschreibender Katalog der königl.
bayerischen Schatzkammer zu München. 1879.

Monarchen vorschwebte, als er aus Jtalien heimkeh-
rend den Entscbluß faßte, seiner Residcnz gleich den
italienischen Fürstenhöfen ein künstlcrisches Gepräge zu
verleihcn. Wir wiffen, daß er geplant hatte, den
Jesniten in München cin Kollegium mit Kirche zu
bauen und seinem Ahnherrn, dem Kaiscr Ludwig, cin
prächtiges Denkmal zu errichten, und es ist anzunch-
men, daß schon er im Sinne hatte, seinei» Residenz-
schlosse jene Erweiterung und Ausstattung zu geben, die
dasselbe erst unter dem großen Kursürsten Maximi-
lian I. durch Pcter Candid enipfing. Der Sammel-
eifer des FUrsten verschlang so bedeutende Summen,
daß die Mittel zur Aussührung seiner Pläne fchlten
und er dieselbe seinen Nachsolgern überlaffcn mußte.

Minder groß sind die Kunstschöpfungen der
Albertinischen Epoche, aber darum nicht von geringerer
künstlerischer Bedeutung, denn der Meister, deffen
Phantasie sie entsprangen, gehörte zu den erstcn Künst-
lern seiner Zeit.

Hanns Müelich war lange Zeit so gut wie ver-
geffen. Hatte auch in der zweiten Hälste des vorigen
Jahrhunders Bianconi, der seine Bedeutnng erkannte,
auf ihn hingewiesen, so sind es doch erst unsere Tage,
die mit dem Jntereffe für die Werke der deutschen
Renaiffance diesem edlen Vertreter derselben das richtige
Berständnis entgegengebracht haben.

Über das Leben Müelichs wiffen wir nur wenig;
auch Verfaffcr vermag dasselbe nur in großen Zügen
darzustellen und muß sich selbst bei Hauptdaten mit
Bermutungen begnügen, da alle bestimmten Nachrich-
ten fehlen. — Das Jahr der Geburt ist, wie zunächst
dargethan wird, aus 1515 in 1516 umzuwandeln,
da sich erweiscn läßt, daß das Todesjahr, nach dem
man das Geburtsjahr mit Hilfe der Altersangabe be-
stimmt hat, nicht 1572, sondern 1573 war. Die jetzt
verschollene Grabplatte, die diese Daten enthielt, zeigte
neben dem Porträt des Meisters diejenigen seiner
Frau und zweier Töchter. Seine künstlerische Bildung
empsing er aller Wahrscheinlichkeit nach in Regensbnrg,
und zwar meint Verfaffer, daß eher Altdorfer als, wie
man seit einiger Zcit annahm, Ostendorfer als Lehrer
Müelichs zu betrachten sei. Die Weise jenes klingt
noch in seinen späten Werken an, nachdem er Jtalien
gesehen und seine Phantasie mit den Gestalten der
großen Meisker, zumal des Michelangclo und der Vcne-
zianer, ersüllt hatte. Die Zeit der italienffchcn Rcise
ist unbestimnit.

Ein deutlicheres Bild empfangcn wir von dem
künstlerischen Entwickelungsgange Müelichs, denn seine
Werke, deren erstes in das Jahr 1539 fällt, sind fast
durchweg datirt. Verfaffer unterscheidet in demselben
nach Art der Stoffe, die den Meister vornehmlich in
Anspruch uahincn, drei Periodcn und schildert in
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