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Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Hrsg.]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 2.1901

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Heft 8
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Rilke, Rainer Maria: Die Letzten: ein Schlußakt, 2
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https://doi.org/10.11588/diglit.45535#0070

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Oie
(Lin 8cklussakt.)
Von Kain er lVlaria K i 1 k e.

II.


ie traurig muss es kür die sein, die irn
Winter gesund waren, — wenn der
Lrükling kommt. Wie können sie ikn
verstehen, wenn sie nickt xugleick

Oenesende sind? — denkt Kiaraid, nnd er siebt

immerfort den Limmeln xu, die, abweckselnd
wolkig und klar, an den Lenstern vorüber)agen,
Kock über dern blackmittag des Vorsrüklings.
Lr sckaut nickt mit den straklenden ^.ugen allein,
er sckaut rnit seinem ganzen Oesickte, in welckem
nickts Verkeimlicktes ist. Lur unter dem Lart,

der wild die Lippen ükerwuckert, stekt ein
kleines Lackeln und klükt, wartend, dass ein
Wort es mit xu den lVlenscken nimmt, -^ker

Harald sckweigt.
8ogar als Lrau lVlalcorn eintritt, leise, wie
man TU Kranken kommt, und fragt: ,,8ckon allein?
lVlarie ist sckon kort?" nickt er nur, sagt aber
dann unbestimmt: „8iek mal." lVlit dem ge-
übten Verständnis der Lllegerin wendet sick
Lrau lVlalcorn den Lenstern xu, bemerkt aber
nickts. Lnd so erklärt Harald: „Oie Wolken . . .
Ls ist ein wundersames Lild. klnd ick kabs es

so lange nickt geseken. ^ls Knabe manckmal
und dann lange nickt mekr..." Ond dann nack einer
Weile beantwortet er auck die Lrage der lVlutter.
,Marie müsste eigentlick nickt mekr kommen.
Ick kabe sie fortgesckickt. Ick wollte scklasen,
kab ick ikr gesagt. ^.ber ick war bloss müde, —
müde sie xu seken. lVlüde — immer wieder
diese alten Dinge xu kören. Ick meins, von denen
da unten. Oa war ick nun ein Kalbes ^akr nickt
bei iknen. Lin Kalbes ^akr! Kind wäkrend dieser
ganxen 2eit ist nickts gesckeken, sckeint es.
Wenigstens was lVlarie erxäklt ..."
„8iekst du, sie können nickts aniangen okne
dick ..."

,,Ou Oute. 8is können auck mit mir nickts
aniangen. Kind vor allem: ick kann nickts mit
iknen aniangen, wirklick." Kind er wendet sick
wieder den Lenstern xu, als wäre )etxt nickts
so wicktig wie dieser Kelle bewegte Limmel.
„Oas kab ick trüber alles nickt geseken. Ond
es ist dock so viel! Ick weiss nickt, lVlama,
muckt das das Kranksein, dass rnun so aufmerksam

wird auf alles und so dankbar, — fast weise . . .
80 unwillkürlick weise, wie man als Kind ist?
lVlan kann garnickt aus der Koke fallen." Lause,
dann leise: „Olaubst du, dass es xu spät ist?"
Lrau lVlalcorn ricktet die Kissen, die über
die Lekne des 8essels gelegt sind.
„2u spät, Harald, woxu?"
,,2u beginnen, block einmal gleick kinter
der Kindkeit xu beginnen. ^.Is ob diese drei
^akre da unten nickts gewesen wären. Oder,
als ob sie eine lange Krankkeit gewesen wären,
aus welcker ick )etxt langsam xurückkomme . . ."
Lr süklt einen Kuss aus seiner 8tirne und fragt:
„blickt xu spät?"
Lrau lVlalcorn scküttelt den Kops; dann kniet
sie neben Harald nieder, und er legt ikr seine
seinen, ausgerukten Lände leickt auks Laar und
sprickt: „8ckwer wird es mir nickt fallen, glaub
ick. Ick bin viel näker bei allem, was in der
Kinderxeit liegt, als bei dem nackker. ^lles
weiss ick. Wenn du mick dock prüfen wolltest.
Lis ganx xurück. Lis damals, da du ein Kleid
trugst, ganx aus 8pitxen, wie aus lauter solcken
Wolken gemackt, — aus Lrüklingswolken.
Kind — als du oft weintest . . . . O ick weiss
nock. Kind als du kleine leise Lieder spieltest
in der Dämmerung, — kannst du sie nock?"
Lrau lVlalcorn senkt die 8tirne tief, so dass Haralds
Lände weitergleiten in ikrem Laar, von 8tellen,
die unter iknen warm geworden sind xu anderen,
küklen. Kind wieder kört sie Laralds 8timme
über sick. ,,. . . Lrsilick, das ist lang. Kind
dock, ick lükle genau wie es war. ^.ls ob ein
Olänxen glitte durck die Ounkelstunde, ein ^uf-
leuckten, ein letxtes Läckeln der Dinge vor dem
Linscklasen: so war dein Lied, Kind einmal,
als ick ganx leise xu dir trat (du körtest mick
garnickt kommen), da nanntest du mick.
du nanntest mick damals . . . Jerome . . . .
8eltsam: Jerome .... trotxdem ick Harald
bin . . . und . . . der Vater . . . kiess auck
Harald .... aber du sagtest damals Jerome
xu mir trotxdem . . . Kind das passte so
gut xu dem, was du spieltest .... das war
wie das Lied selbst . . . 8iekst du wokl, was

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