Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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DER MENSCH OHNE KUNST

VON GRAF HERMANN KEYSERLING

Das Schöne ist schön, unabhängig davon, ob
die Menschen es verstehen oder nicht.
Zweifelte ich je daran, so erbrachte mir die
russische Revolution dafür den experimentellen
Beweis. Mit wunderbarer Instinktsicherheit zer-
störten die Bauern überall zuerst das Schönste.
Dessen Anblick empfanden sie, deren Grund-
form „Besobrasie" ist (ein selten treffsicherer
Begriff, dessen Sinn aus seiner etymologischen
Zerlegung in „Bild, Vorbild, Gleichnis, Form,
Gestalt" und das Privativum „ohne" unmittel-
bar einleuchtet) als beleidigend. Dementspre-
chend ist auch die Fähigkeit, Schönes zu schaf-
fen, an sich ein Ursprüngliches, nicht weiter
Abzuleitendes. Doch Anlagen entwickeln sich
verschieden in verschiedenem Milieu. Entwik-
keln überhaupt muß sich jede. So ist nur der
ästhetisch Begabte der Mühe enthoben, ganz
von vorn anzufangen, der in ästhetisch gebilde-
ter Umwelt erwuchs. Hier liegt der Sinn des
nicht notwendigen Zusammenbestehens von Be-
gabung und Geschmack. Dieser, als der Sinn
für Maß, Einklang und Proportion, setzt das Be-
stehen der Elemente, die er in Einklang bringen

oder deren Einklang er beurteilen soll, voraus.
Nur innerhalb eines schon bestehenden und an-
erkannten ästhetischen Zusammenhangs kann
er sich manifestieren. Dort nun tritt er desto
häufiger und sicherer in Erscheinung, je artiku-
lierter und konsolidierter jener ist. Deshalb steht
die Häufigkeit sicherer Geschmacksbegabung in
Entsprechungs-Verhältnis zum Alter der Tra-
dition. Deshalb ist der in kunstschöner Um-
gebung Erwachsene regelmäßig dem aus bar-
barischen Kreisen Stammenden an Geschmack
von Hause aus überlegen, und sei dieser sonst
noch so viel begabter. Wo dieser Satz einmal
nicht zuzutreffen scheint, dort liegt die Ursache
darin, daß der Mensch das, was ihn innerlich
bilden soll, als ihm zugehörig anerkennen muß.
Der Erbe alter aristokratischer Tradition ist nur
bei ausgesprochener persönlicher Unbegabung
ohne ästhetischen Sinn. Dagegen kann letzteres
bei künstlerisch hochbegabten Völkern der Fall
sein, wenn sie ihre historische Umwelt aus irgend
einem Grund als fremd empfinden. Dies gilt
von den heutigen Italienern, einer ganz jungen
Nation, sofern sie Eigenes schaffen.

Oktober 1936. 3

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