Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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BEDEUTUNG DER SYMMETRIE FÜR DAS KUNSTWERK

VON JOHANNES URZIDIL

Die Frage nach der Bedeutung der Sym-
metrie, ihrer Störungen und deren Aus-
gleich ist nicht nur ein Problem der bildenden
Kunst, sondern geht alles materielle und geistige
Leben überhaupt an. Es besteht nicht bloß
eine Symmetrie der körperlichen Welt, sondern
auch eine Symmetrie des Gedankens, des Ge-
fühls, der Kräfte jeder Art und des Daseins
überhaupt. Als Symmetrie erscheint uns der
Ausdruck jener Ruhe und Ausgeglichenheit,
welche durch die achsial bedingte gleichmäßige
Gewichtsverteilung (im Sinne der geistigen Form
und daher auch in äußerlich materiellem Sinne)
hervorgerufen wird. Hierbei ist gleich am An-
fang eines festzuhalten: Nur die Symmetrie der
geistigen Form verschafft der Symmetrie der
Materialität wahre Geltung. Bloße Symmetrie
der Materialität bliebe Dekorativismus, Starre,
Tod. Symmetrie der geistigen Form aber ist
Leben, göttliches Gleichmaß. Sie erscheint ge-
geben durch das Vorhandensein eines immagi-
nären Herzens, welches im Schwerpunkt eines
Gedankens, einer Idee schlägt und durch wel-
ches die Achse der geistigen Begebenheit läuft.

Man kann als Grundsatz aufstellen, daß wirk-
liche Kunstwerke niemals unsymmetrisch sind,
auch wenn sie äußerlich vielleicht einen un-
symmetrischen Eindruck machen, und daß jede
materielle Assymmetrie ihren Ausgleich findet,
wenn das inhaltliche Wesen, die geistige Form
des Kunstwerkes zur Vollendung gediehen ist.
In der Musik wird die geistige Form zugleich
mit der Materialität geboren. Die Frage nach
der Symmetrie beantwortet sich dort vollkom-
men eindeutig. Anders liegt es schon bei der
Literatur oder gar der bildenden Kunst, bei
welcher der Schöpfungsprozeß in geteilten
Sphären vor sich geht. Der Stil moderner Werke
der bildenden Kunst ist der Konflikt. Das
Wort modern ist hier im weitesten Sinne, etwa
als Gegensatz zur griechischen Antike oder zum
alten Ostasien genommen, das Wort Konflikt
bezeichnet wie stets das schmerzhafte Streben
nach Vereinbarung zweier oder mehrerer Lieben,
Wahrheiten, Notwendigkeiten. Wesen des Kon-
fliktes aber ist Symmetriestörung, Achsenver-
schiebung, Schwerpunktserschütterung. Kunst-
werk ist, was diesen Konflikt und seine Lösung
bezw. die Feststellung seiner Unlösbarkeit zum
Ausdruck bringt. (Wir empfinden nicht unbe-
gründet die griechischen Tragiker als die mo-
dernsten Erscheinungen der antiken Kunst.

Man beachte, wie durch ihre Werke in Form
des Chores eine Symmetralachse gelegt ist.)
Während des künstlerischen Schaffensprozesses
wird eine Idee von der andern, eine Form von
der andern, ein achsialer Aufbau vom andern
bedrängt. Daraus ergeben sich Symmetrie-
störungen und das Bedürfnis nach ihrem Aus-
gleich. Ein Kunstwerk, welches zu diesem
Ausgleich gelangte, die konflikluösen Voraus-
setzungen, den kampferfüllten Werdegang aber
ablesen läßt, empf in den wir als innerlich bewegt.
Es steht uns menschlich nahe. Die apriorische,
gewissermaßen naturgegebene Symmetrie eines
ostasiatischen Götterbildnis ist der Musik am
nächsten. Inspiration und Verwirklichung fallen
beinahe zusammen. Wir glauben in Wahrheit
vor etwas göttlichem zu stehen. Die errungene
Symmetrie eines Werkes der europäischen
Kunst, wie etwa der Mediceergräber oder der
Sklaven des Michelangelo, ist nicht bezaubernd,
sondern erschütternd; Der Weg des Menschen
zu Gott.

Jede Symmetriestörung erfordert ein organi-
sches Kompensationsmittel und wird bei einem
echten Künstler unwillkürlich ihr Antitoxin her-
vorrufen. Aber man kann gedankliche Sym-
metriestörungen nicht durch äußerliche Kom-
pensationsmittel ausgleichen, ohne am Ende als
Betrüger entlarvt zu werden. Eine Idee kann im-
mer nur durch eine Idee, aber nie durch ein Orna-
ment, durch einen rein ästhetischen Wert oder
ein bloßes Wort gebunden werden. Wohl aber
kann eine Anomalie des Rhythmus durch einen
Reim oder umgekehrt überwölbt, die bewegte
Massenverteilung einer Plastik durch Lichtwir-
kungen ausgeglichen, die beunruhigte Komposi-
tion durch die Farbe im Zaum gehalten oder die
Assymmetrie eines Bauwerkes durch seine Ein-
fügung in die Landschaft, seine Rolle im städte-
baulichen Gefüge, durch Variationen des Mate-
rials, niemals aber etwa durch blinde Fenster
aufgelöst werden. Die vielfachen Kompensa-
tionsmöglichkeiten, die dem Musiker zur Ver-
fügung stehen, müssen nicht aufgezählt werden.
Rhythmus ist eine durch fortgesetzte Einwirkung
des Willens zur Symmetrie hervorgerufene Re-
gelung eines Bewegungsvorgangs. Rhythmus erst
macht Bewegung faßlich und gibt ihr Ausdruck.
Dies gilt nicht bloß für die Musik, sondern auch
für die Literatur und alles Kunstschaffen.

In der modernen bildenden Kunst begann der
Kubismus die Bedeutung des Achsialen und der
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