Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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PROF. JOSEF HOFFMANN—WIEN

»GETRIEBENE SII.BERSCHALE«

TRADITION UND PIETÄT

Immer wenn an der Wende zweier Kunst-
epochen der Entscheidungskampf zwischen
alter und neuer Kunstübung einsetzt, beginnt
auch gleichzeitig ein schonungsloser Krieg gegen
jene zwei Mächte, die allem Aufstrebenden,
Jungen als Verkörperung des entwicklungsfeind-
lichen Prinzipes gelten: Tradition und Pietät.

Tradition im eigentlichen Sinne bedeutet im
Grunde nichts anderes als den Inbegriff jener
Wege, die die Kunst auf ihrem Entwicklungs-
laufe nimmt. Die Mannigfaltigkeit der an ihrer
Gestaltung mitarbeitenden geistigen Individua-
litäten bringt es mit
sich, daß sich diese
Wege vielfach inein-
ander schlingen, oft
sogar scheinbar laby-
rinthartig verwirren,
so daß der mitten
im gärenden Kunst-
treiben Stehende
mitunter auch die
Orientierung nach
der Hauptrichtung
verliert und den
Anschluß an die
treibenden Haupt-
kräfte nicht findet.
Gewinnt man aber
den unbedingt nö-
tigen zeitlichen Ab-
stand, so ergibt sich
bei aller Vielfältig-
keit ein einheitliches
Bild von selbst, die
große Linie und ihre
Hauptrichtung tritt
immer klarer an den

M. FLÖGL. »EMAIL« WIENER WERKSTATTE—WIEN

Tag. — Dieser Art Tradition kann sich niemand
entziehen, so wenig es jemandem gelingen kann,
sich außerhalb allgemein gültiger Naturgesetze
zu stellen; auch die Flucht vor den Errungen-
schaften dieser Tradition zur äußersten Primi-
tivität wird ihre Spuren keineswegs zu ver-
wischen vermögen. Die Entwicklung schreitet
Schritt für Schritt vorwärts, legt Baustein auf
Baustein; und jeder Künstler, der mit der Zeit
geht, arbeitet bereits mit dem, was die voraus-
gegangenen Generationen an künstlerischen
Einsichten und Gefühlsdispositionen zu gesicher-
tem Besitztume der
Kunstwelt gemacht
haben, sei es im äu-
ßerlichen Rüstzeug
des reinTechnischen,
sei es auf wahrhaft
schöpferischem Ge-
biete imVerfolge des
sich immer neu wan-
delnden Kunstemp-
findens. — Aber
diese Auffassung des
Traditions - Begriffes
muß immer wieder
einer anderen Platz
machen, besonders
in Zeiten stürmische-
rer Kunstentwick-
lung. Und zu dieser
kommt es, wenn die
Kunst hinter dem
Leben so weit zu-
rückgeblieben ist,
daß nur gewaltige,
krisenhafte Erschüt-
terungen die Über-
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