Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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HERTHA SLADKV—WIEN

»HAUSAL'J'AR« SCHULERARBEIT

SPIELZEUG

Spielzeug ist die Lyrik im Kunsthandwerk.
Beide können nicht vom Verstand geboren
werden. Nur Dilettanten suchen sich „Themen".

Der Schöpfer von Spielzeug zwingt sich nie-
mals zu einer Aufgabe, sucht sie nicht, kennt
unbewußt die entscheidende Grenze zwischen
verlogener Naivität und unsentimentaler kind-
licher Andacht. Auch ein gewaltsames Zurück-
erinnern an Bauernstubenromantik würde stö-
ren und die zur Hüterin bestellte Liebe zur
Stiefmutter machen. Nur die feine, leichtbe-
wegliche Empfindsamkeit für die unzähligen
und unendlich differenzierten Impulse, die von
verschiedenartigem Material ausgehen und auf
die schöpferische Phantasie einwirken, läßt
diese märchenhaften, dem Alltag fernen Häuser,
Städte, Blumen, Tiere und Menschen entstehen.
Manchmal glaubt man, sie alle gut zu kennen
und will ihnen schon Namen geben, doch es wird
auf einmal zur Gewißheit, daß man ihnen nicht
in den Straßen des Tages, sondern irgendein-
mal in einem schönen Traum begegnete.

Der glückliche Zufall kann viel entscheiden.
Eine herabgefallene schöne Hühnerfeder kann

nicht bloß wie bei Andersen einen großen Stadt-
tratsch hervorrufen, sie kann der Ursprung eines
großen Hühnerhofes werden. Der Anblick eines
besonders schönen Glassplitters, auf dem gerade
noch die Sonne liegt, kann die Stufe zu feier-
lichen Festen bauen. Perlen, Flitter, Schnüre,
Drähte, Papiere, Wollen, seidene Fäden, ein
einziger Knopf, — wenn sie zur richtigen Zeit
aus einer Schachtel fallen oder auf den Arbeits-
tisch geraten — vermögen Wunder zu wirken.

Das Spielzeug, das in der Lehrwerkstätte
Zweybrück-Prochaska in Wien entstand, ist bei
jenen Quellen zuhause. Die Jenseitigkeit, das
Abrücken vom Alltag ist durch ausschließliche
Verwendung von Rosa, Zinnoberrot, Ultramarin,
Silber und Gold erreicht.

Es gibt Spielzeug, das man sich immer wieder
aus dem Schrank hervorholt und vor sich hin-
stellt, um es lang und lang zu betrachten. Es
gibt Spielzeug, das neben die bedeutendsten
Kunstwerke gestellt werden muß. Es gibt kleine
einfache hölzerne Figürchen, die monumental
wirken. Nur der Dilettant im Genießen lächelt
über diese Tatsachen. . .

L. W. ROCHOWANSKI.
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