Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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VALLY WIESELTHIER—WIEN

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NEUE KUNSTWERKE DER WIENER WERKSTÄTTE

Alle hier abgebildeten Werke, welche als
l jüngste Schöpfungen die Wiener Werk-
stätte eben verlassen haben, tragen das wohl-
bekannte Gepräge jenes Stils an sich, der an
dieser Stelle ausschließlicher und alle Zweige
umfassender Pflege des verkanntesten Kunst-
gebietes ausgeprägt wurde. Inspiriert von einem
Zweckgedanken legt die Bestimmung des Ge-
rätes seine Form zuerst im Großen fest; aber
nicht dem kalten logischen Verstand ist dieser
Zweckgedanke entsprungen, der so von einer
rein geometrischen Konstruktion erfüllt werden
könnte, sondern aus phantasiebeschwingter Vor-
stellung wurde er geboren, die sich dem Gegen-
stande mitteilen will, die als beseelende Kraft
in der erwirkten Form verewigt weiterleben
will. Und wieder nicht als abstrakte Energie
wie die „PS", die „Volt" der Ingenieure, son-
dern als eine organisch formende, stoffverbun-
dene Kraft die sich schöpferisch betätigt, gleich
der Naturkraft selber.

Somit ist der Formgedanke von allem Anfang
an mit dem Stoff verbunden, in dem er zur Ver-
wirklichung gelangen soll. Und Form und Stoff
leben schon in der Idee als unlösbare Einheit.
Bei völliger Durchdrungenheit der beiden Ele-
mente wächst der Gegenstand aus der Hand

des Künstlers. Daraus erhält die Form ein
Übriges über ihren praktischen Zweck, sie wird
sprechend, die Form hat Ausdruck und wird
dadurch in die Region der Kunst erhoben. Nicht
das „Können" der stofflichen Bemeisterung ist
das erhebende Moment, das zeitigt nur ein
qualitatives Merkmal, als eine Voraussetzung
für künstlerische Tätigkeit. Sondern die Inten-
sität des empfindungsbeseelten Formwillens ist
die rangerhöhende Macht, die so stark sein kann,
daß sie ihrer Schöpfung Monumentalität ver-
leiht, in einer Vase, in einem Lichtträger, kurz
in einem Gegenstand der Formkunst mit über-
wiegend künstlerischer Absicht. Sodaß sie mit
dieser Unbegrenztheit ihrer Wirkung, der Bau-
kunst, der Skulptur, der Malerei ebenbürtig ist.

LUDWIG STEINMETZ.

*

HEROISCHE AUFFASSUNG DER KUNST

Zur Kunst gehört letzthin alles Tun, das die
Welt des Menschen formt und abgrenzt
gegenüber der Welt der Natur. Wenn das Volks-
gedächtnis der Griechen den ersten Bildhauer
und Techniker, den Dädalus, fast unter die
Götter einreihte, so liegt darin die Dankbarkeit
des Menschen, der sich durch das Schaffen der
frühen Künstlerkräfte in seiner Menschenwelt

XXX. Oktober 1936. 7
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