Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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ÜBER DEN VERFALL DER PORTRÄTKUNST

SELBSTGESPRÄCH EINES GELEGEN HFITS-SKEPTIKERS

VON ERNST V. NIEBELSCHUTZ

Man hat mir nahe gelegt, mich malen zu lassen.
Ich sei nun in das Alter gekommen, wo
man sich ernstlich mit dem Gedanken an ein
Weiterleben nach dem Tode beschäftigen müsse.
Ich aber will nicht. Was tun?

Offerten von bewährten Porträtmalern liegen
vor. Man verbürgt mir Schönheit, Eleganz,
Herzensgüte, auch für den Fall, daß ich diese
angenehmen Eigenschaften von Natur aus nicht
besäße. Man verheißt mir, mich treffen zu
wollen, daß ein Blinder mich wiedererkennen
würde. Auch das lockt mich nicht. Denn ich
gehöre nicht zu denen, die von einem Bildnis
das fordern, was man so etwas gedankenlos
„absolute Ähnlichkeit" nennt. Ich lehne das
ab, weil ich zu genau weiß, daß der Wunsch
nach voller Übereinstimmung zwischen Bild und
Modell unerfüllbar ist und dieses Ziel nicht ein-
mal wünschenswert wäre. Ich weiß noch viel
mehr: daß nach meinem Abscheiden aus dieser
Welt des Scheins kein Mensch mehr nach „Ähn-
lichkeit" fragt und daß der Künstler in der Tat
alles geleistet hat, was von ihm zu fordern ist,
wenn es ihm gelungen sein sollte, ohne ängst-
liche Rücksicht auf die sogenannte Realität den
geistigen Kern einer Persönlichkeit im Bilde
festzuhalten.

Ich fürchte aber, die Nachwelt wird sich ohne
mein Bild behelfen müssen. Ein Bedürfnis, meine
vergängliche Person der Nachwelt erhalten zu
wissen, hat sich bisher nie einstellen wollen,
auch nicht in jenen gehobenen Augenblicken
des Lebens, die man in verzeihlicher Selbst-
täuschung der Verewigung für wert hält. Ich
mache die Runde und finde wohl hin und wieder
ein ansprechendes Bildnis — diese Zeitschrift
beweißt es — aber ich finde keine Porträt-
kunst. Jedenfalls keine Porträtkunst als Nieder-
schlag einer wohlgepflegten, zusammenhängen-
den Persönlichkeitskultur. Mag sein, daß ich
zu unbescheiden bin. Oder sollte das Zeit-
alter in seinen Ansprüchen an das Porträt zu
bescheiden geworden sein?

Dabei war das 19. Jahrhundert doch noch
reich an guten Porträtmalern. So sehr man in
allen übrigen Gattungen der Kunst bei den histo-
rischen Stilen borgte: dem Modell gegenüber-
gestellt, wäre niemand auf den Gedanken ver-
fallen, von einer angeblich „höheren" Instanz
als der Natur das Gesetz zu empfangen. Waren
Krüger, Waldmüller, Leibi und Thoma darum

bloße Naturabschreiber? Gewiß nicht. Sie über-
trugen, meist wohl ohne es zu wissen, den wirk-
lichen Menschen in die geistige Sprache ihrer
Kunst. Wann also fing das Unheil an ? Damals
— es war während der impressionistischen
Maienblüte — als man den Leichtsinn besaß,
den Künstlern ihre Souveränität der Natur
gegenüber ausdrücklich zu garantieren und über
das, was so lange die stillschweigend anerkannte
Voraussetzung aller Kunst war, eine hitzige
Debatte zu eröffnen. Man stellte sich wirklich
so, — und vielleicht glaubte man es sogar, —
als ob es erst jetzt dem Geiste gelungen sei,
sich nach Jahrhunderten entehrender Fronarbeit
von der Materie unabhängig zu machen und mit
der Erkenntnis seiner Freiheit zum Bewußtsein
seiner Macht zu gelangen. Gut, daß der Im-
pressionismus noch den Takt hatte, aus seinen
Theorien die letzten Konsequenzen — nicht zu
ziehen. Wir besäßen sonst nicht Renoirs „Lise"
oder Liebermanns Porträts. Diese Maler waren
in ihrer großen, meinetwegen traditionellen
Ehrfurcht vor dem Objekt doch noch zu eng
mit der Natur verbunden, um sich durch das
Freiheitsgeschwätz aus der Bahn drängen zu
lassen. Gleichwohl empfing die Bildniskunst
damals den Keim des Verfalls. Denn ein „inter-
esselos" zu betrachtendes Bildnis ist im besten
Falle ein Stilleben — ein Bildnis im eigentlichen
Sinne ist es nicht mehr. Bleibt dem Porträt die
sachlich-menschliche Anteilnahme, die
es seiner Natur nach fordern muß, versagt, so
widerspricht es sich selber. Diese unzertrenn-
liche Verknüpftheit mit — ich gebe es zu —
außerästhetischen Rücksichten ist sein Wesen,
wenn man will: seine Schwäche und gewiß der
Grund für die zeitweilige Geringschätzung der
Gattung als solcher.

So viel ist gewiß: schon unter der Herrschaft
des Impressionismus verflüchtigten sich im Por-
trät die sachlichen Inhalte zugunsten der optisch-
malerischen Werte. Das Bild des Menschen
wurde Mittel zum Zweck, sein Antlitz der Schau-
platz jenes entzückenden Spieles von sonnigen
Lichtern und farbigen Schatten, das die Kon-
turen auflöst, die plastische Modellierung ver-
neint und damit das Bleibende der Erscheinung
dem Eindruck einer Sekunde aufopfert. Die
entscheidenden Elemente der Dekomposition,
die in der Folgezeit den unaufhaltsamen Nieder-
gang der Bildniskunst verschuldet haben —

XIX. März 1927. 6 *
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