Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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ARTUR HELBIG—BERLIN. »STÄNDER-LAMPE« MESSING

KUNSTWERK UND LEBEN

Das Können hilft in der Kunst
nur zu Darstellung, Ausdruck
und Gestalt. Aber woher kommt das
Was der Darstellung? Es kommt
dem äußeren Sachverhalt nach aus
der Natur, aber dem inneren Sach-
verhalt nach kommt es aus Liebe.
Und selbst das rechte Anschauen und
Erleben des Kunstwerkes kommt aus
Liebe. Denn die Natur ist tot, wenn
ich mich nicht liebend mit ihr ver-
bunden weiß, und das Kunstwerk ist
tot, wenn es nicht zu mir von meiner
eigenen Liebe zu den Dingen spricht.

Künstler sein, heißt mitten im
Kraftfeld der heftigsten Liebesbe-
ziehungen stehen. Und das heißt:
im Kraftfeld des Lebens. Das Kunst-
werk entsteht nirgends anders als in
diesem Kraftfeld, wo Strahlungen
vom Ding her sich mit den Strah-
lungen vom Künstlermenschen her
begegnen. Den Glanz von beiden
Seiten fängt das Kunstwerk wie
ein Schirm auf. Es redet weder
ausschließlich vom Ding noch aus-
schließlich vom Ich, sondern es redet
von dem liebenden Leben, das sich
zwischen beiden Polen abspielt; und
das allein ist seine „Wahrheit", seine
„Lebendigkeit". Der bloße Sachlich-
keitsapostel verfehlt sie, und ebenso
der bloße Ich - Verherrlicher; und
ebenso verfehlt sie jeder, der irgend-
wo in dem leeren Felde zwischen
Ding und Ich steht und nichts von
dem Liebesdrama merkt, das auf der
Bühne dieses Feldes vor sich geht.
Von je hat es Leute gegeben, die
vom Kunstwerk gesagt haben, in ihm
lebe nichts als das Ich des Künstlers;
und andere, die gesagt haben, in ihm
verschwinde dieses Ich vollständig
und nur das Werk stehe da. Aber
beide irren; denn das Kunstwerk ist
nichts als lebendige Begegnung.
In dieser Begegnung ist das Ich voll-
wertig enthalten und ebenso das
Ding, die Welt. Weil das Kunst-
werk eine Liebesbegegnung darstellt,
und weil diese Liebesbegegnung das
Leben ist, deshalb ist der Künstler
der spezifisch lebendige Mensch,
und wer an der Kunst teilnimmt,
der nimmt am Leben teil. — h. r.
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