Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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TIERE IM RAHMEN DER HÄUSLICHEN KULTUR

VON KUNO GRAF HARDENBERG

In den künstlerischen Rahmen, den der Archi-
tekt um das bunte Leben des Hauses spannt,
gehören auch allerhand Tiere, die uralte Ge-
wohnheit dem Menschen verbunden hat! Wer
die Raumkultur der Vergangenheit durchforscht
hat, weiß, daß zeitweilig die sonderbarsten Ge-
schöpfe symbiotischer Ehren gewürdigt wurden.
In den Burgen der Gotik war der Falke ein be-
liebter Hausgenosse, in Italien schätzten die
Damen der Renaissance gezähmte Wiesel und
weiße Frettchen, in Deutschland liebte man um
dieselbe Zeit zahme Fischottern! Papageien
wurden in allen Jahrhunderten eingeführt und
galten als Kostbarkeiten, die nur großen Herren
zustanden. Albrecht Dürer war von einem
Papageien in Venedig so entzückt, daß er ihn
gegen „ein Tüchlein von seiner Hand", d. h.
gegen eines seiner unvergleichlichen Aquarelle,
die er auf Rohleinen malte, eintauschte. Auf
den behaglichen Interieurs der Niederländer ist
der geschmackvolle Messingkäfig mit dem an-
mutigen Graupapagei ein häufiges Requisit!
Auch die Meerkatze erscheint hin und wieder
als Hausgenosse, für Perkeo aber, den lustigen
Spaßmacher und Kellerfreund, wurde im Heidel-
berger Schlosse ein stattlicher Mandrill gehal-
ten. Und nun erst die Hunde, diese uralten
Hausfreunde! Jeder Stil bevorzugt seine eige-
nen Rassen: Das Barock liebt den getipfelten
Dalmatiner, den Wachtel, die King Charles
oder die französischen Setter, die Damen der
Pompadourzeit sind unzertrennlich von kleinen
glatthaarigen Terriers mit völlig gestutzten
Ohren. Am Hofe August des Starken ist der
Mops so beliebt, daß man eine Mopsgesell-
schaft mit einem Mopsorden gründet, und
die Meißener Porzellanmanufaktur kann gar
nicht genug Möpse anfertigen , um die große
Nachfrage zu befriedigen. Im Friedricianischen
Zeitalter umtänzeln spirlige Windspiele die Kri-
nolinen der Damen oder schlummern auf den
Brokatkissen der geschweiften Goldfauteuils!
Ihre Beliebtheit überdauert sogar das „Louis
XVI." Mit der Romantik beginnt der Spitz
populär zu werden und so gehts fort über Pin-
scher, Dackel und Fox bis zu dem bunten,
großen und kleinen Hundevielerlei unserer Tage.
Die Katze, die in Frankreich seit alter Zeit
für heilig gehalten wird und die in England zu
den interessantesten Züchtungen Anlaß gegeben
hat, ist in Deutschland nie recht verstanden
worden, denn Katzen sind feine selbständige
Diplomatennaturen und verlangen eine beson-

dere Einstellung, die bei uns selten ist! Zu-
dem ist dem deutschen Herzen der Singvogel
tabu — und Katzen und Vögel bleibt eine ewig
unlösbare Tragödie. Ästhetisch ist wohl die
Katze das eleganteste und schönste Zimmer-
tier, und es ist nur zu begreiflich, wenn große
Maler edle Katzen als Gesellschaft liebten. In
der deutschen Romantik beginnt die sentimen-
tale Singvogelliebhaberei, da erscheint die ge-
blendete Nachtigall im grünen Holzkäfig. Lerche
und Wachtel, Hänfling, Stieglitz und der ab-
gerichtete Thüringer Dompfaff ziehen in die
Häuser ein und trösten mit ihrem sorglosen Ge-
zwitscher über Zeitennöte und karge Lebens-
haltung hinweg. Schon das Rokoko kannte
den Kanarienvogel als Seltenheit, in der Bie-
dermeierzeit wird er der Liebling der Lieb-
linge in Hütte und Palast, und ihm die lustig-
sten Pavillons und Tempelchen aus Messingdraht
oder Zinkfiligran zu erfinden, gilt des Schweißes
edlen Handwerks wert. Er ist bis auf den heu-
tigen Tag der allgemeine Favorit geblieben und
mit Recht, denn es gibt kein Tier, das so viel
harmlose Fröhlichkeit zu verbreiten vermag,
wie er. Dazu erwies er sich in jeder Weise
bildungs-fähig: Nicht nur als Sänger — auch
in Gestalt und Farbe! Man hat jetzt die er-
staunlichsten und dabei anmutigsten Typen ge-
züchtet: Schneeweiße — orangerote, goldfar-
bene oder braune — grüne — solche mit Tollen
und solche mit gesträubtem Gefieder!

Ein weiterer Vorzug des Kanarienvogels ist
der: Man hat angesichts seiner Gefangenschaft
kein schlechtes Gewissen, wie bei den Wald-
vögeln, denen man immer die Sehnsucht nach
der Heimat ansieht. Er ist in seiner jetzigen
Gestalt ganz und gar ein Kind des Käfigs, und
Freiheit würde für ihn schnellen Tod bedeuten.
Der gefangene Waldvogel bleibt für feine Seelen
immer ein unerfreulicher Anblick — man leidet
mit ihm seine Sklaverei, und das bringt ein
trübendes Moment in die häusliche Kultur.

Nicht nur Luft und Erde haben dem Men-
schen Gesellschaft in seine Häuser gesandt, auch
das Wasser und damit kommen wir auf die Welt
der Fische. In den siebenziger und achtziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts fehlte in keinem
Hause das heilige Symbol der geruhigen Lange-
weile — der Goldfisch, der in einer Glasglocke
auf einem ornamentalen Gestell aus falschem
Bronzeguß, unermüdlich rundum schwamm —
Jahre lang, denn Goldfische werden alt. Er ist,
Gott sei Dank, wieder verschwunden, dafür ist
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