Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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OTTO l'ILZ—DRESDEN'

»PANTHER« KUNSTSTEIN

DAS POETISCHE ERLEBNIS

Wir stehen heute mit einiger Befremdung
vor der romantischen These, daß „Poesie"
eine in der ganzen Schöpfung und vor allem in
den Künsten wirksame Grundkraft sei. So sagt
Friedrich Schlegel in seinem „Gespräch über
die Poesie" : „Selbst die künstlichen Werke,
welche die Form und den Namen von Gedichten
tragen, wird nicht leicht auch der Umfassendste
alle begreifen. Und was sind sie gegen die
innere, bewußtlose Poesie, die sich in der Pflanze
regt, im Lichte strahlt, im Kinde lächelt, in der
Blüte der Jugend schimmert, in der liebenden
Brust der Frauen glüht? Diese aber ist die
erste, ursprüngliche, ohne die es gewiß keine
Poesie der Worte geben würde. Ja, wir alle,
die wir Menschen sind, haben immer und ewig
keinen anderen Gegenstand und keinen anderen
Stoff aller Tätigkeit und Freude, als das eine
Gedicht der Gottheit, dessen Teil und Blüte
auch wir sind: die irdische Schöpfung dieser
schönen Sternenwelt."

Wie weit und schön ist hier der Sinn des Wor-
tes „Poesie" gegriffen! Sieht man an Schlegels
Worten entlang, beachtet man, wie er zum Sub-
jekte „Poesie" Zeitwörter wie regen, strahlen,
lächeln, schimmern, glühen fügt, so ergibt sich,
daß er unter Poesie vor allem etwas Leben-
diges versteht, und zwar etwas auf stille,
gesammelte, seelenhafte Weise Leben-
diges. Und da fühlen wir auf einmal mit dem
Romantiker mit. Wir empfinden: wo ein Ding
zu atmen beginnt, wo es Augen aufschlägt oder
ins Klingen kommt, da ist Poesie zugegen. Wo
also im rein dinglichen Zusammenhang eine

höhere Ordnung sinnfällig wird, wo eine
gesungene, eine gleichsam gereimte Art von
Harmonie die Teile bindet, wo wir einen ge-
heimen Rhythmus im Stoff erwachen sehen, da
rührt uns „Poesie" an. Und zwar ist der Be-
griff, wenn nicht immer, so doch in erster Linie
mit der Begleitvorstellung stiller, ruhevoller Be-
seelung verbunden. Es gibt die Poesie einsamer
Waldtäler, versonnener Dämmerstunden; aber
auch eine Poesie wohlgeborener technischer
Dinge, bei denen der zunächst sperrige und
spröde Zusammenhang von Material und Funk-
tion sich zur schönen, reifen, rhythmischen
Form geklärt hat. Ein Automobil, eine präzise,
elegante undlärmlos arbeitende Schreibmaschine
können sich zu blumenhafter Schönheit und zu
hoher geschöpflicher Poesie erheben. Wo voll-
kommene Ordnung und feinste Fügsamkeit in
den Beziehungen ausgesprochen ist, da lebt der
poetische Grundgeist der Welt.

Freilich gibt es auch eine Poesie erhabener,
dämonischer, gewaltsamer Art, die Poesie der
Gewitter, der Hochgebirge, der Seestürme. Aber
auch da spielt der Begriff der rhythmischen Ord-
nung die erste Rolle. Die symphonische Fügung
ist es, die auch hier das menschliche Herz er-
greift. Und selbst der Begriff der Ruhe mischt
sich in das Erlebnis der erhabenen oder selbst
furchtbaren Poesie hinein, indem nämlich auch
hier das menschliche Gemüt in der Ruhe der
Anschauung verharrt. Wir werden nie von
einem „poetischen" Erlebnis sprechen, wenn
wir, etwa bei einem Gewitter, um die letzte
Ruhe der Anschauung gebracht sind. Der großen
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