Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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ENTSTEHUNG DES BILDWERTES

Es besteht wohl kein Zweifel darüber, daß
die Bildersprache der Lautsprache erst un-
zählige Jahrtausende später nachgefolgt ist. Die
Bildersprache wollte über die Flüchtigkeit des
gesprochenen Wortes hinaus die Mitteilung und
die Erinnerungen festhalten, so wie es in histo-
rischer Zeit den Semiten durch Erfindung der
mechanischen Buchstabenschrift auch für die
Lautsprache selbst gelungen ist. Es ist bekannt,
daß die Entstehung der Bildersprache jener der
Lautsprache durchaus ähnlich erfolgt sein muß:
beide sind durch die Benützung der mittelbaren
Erkenntnis der Außenwelt, der Nachahmung
entstanden, die eine, indem sie die Klänge und
Geräusche der Natur, die andere, indem sie die
sichtbaren Gegenstände nachahmte. Ebenso
nun, wie die der Natur abgelauschten Klänge
durch unzählige Wiederholungen und Vergleich-
ungen sich erst ganz allmählich zum bezeich-
neten Worte artikulierten, das durch den Ge-
brauch allgemein verständlich wurde — eben-
so modifizierten sich sicherlich auch die zahl-
losen Versuche der graphischen Wiedergabe
des visuellen Sinneseindruckes eines konkreten
Dinges allmählich zur Umrißzeichnung. Diese

war eine Zeichnung, welche jedermann den be-
zeichneten Gegenstand erkennen ließ, soweit
er schon gelernt hatte, die Zeichen zu verstehen,
das heißt, sich aus Bildern den konkreten Gegen-
stand vorzustellen. Als nun endlich der Mensch
im Bilde ein geeignetes Mittel zur Betätigung
von überschüssigen Trieben und Kräften ent-
deckte, die nicht ausschließlich unter dem Ge-
sichtspunkte des Zweckes standen, da war ihm
durch die Bildersprache eine — wenn auch kon-
ventionelle — Beherrschung des Stofflichen be-
reits gegeben. Erst über diese zweckhafte Bil-
dersprache hinaus entstand aller Wahrschein-
lichkeit nach der Versuch einer künstlerischen
Betätigung durch das Bild, so daß die im ersten
Augenblicke erstaunlich anmutende Geschick-
lichkeit und Reifheit der uns überlieferten Bilder
verständlich wird. Die Kategorie des Bildwertes
als künstlerisch bedeutungsvoller Inhalt der
Malerei hat sich also aus der Wiedergabe an-
schaulicher Wirklichkeitswerte entwickelt, in-
dem man versuchte, vermittels ihrer Gegen-
ständlichkeit die schwankenden und zerfließen-
den Seelenstimmungen, welche das mitgeteilte
Leben begleiteten, irgendwie festzuhalten, a.w.
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