Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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SCHWEIZER MALEREI IN MÜNCHEN

Es ist das bleibende Verdienst der Schwei-
zerischen Kunstausstellung Karlsruhe 1925,
daß das deutsche Publikum die Kunst der
Schweiz als ein Ganzes hat sehen lernen. Und
nicht nur als ein Ganzes, sondern auch als Indi-
viduelles, Besonderes, als einen Komplex, der
zwar sehr reich differenziert ist, aber doch einen
bestimmten, nationalen Charakter trägt. Es
zeigt sich im Künstlerischen dasselbe wie im Po-
litischen. Drei verschiedene Nationen bilden
das Staatsvolk der Schweiz, und jeder dieser
drei Teile pflegt die kulturellen Beziehungen
zum Muttervolk, dem er ursprünglich entstammt,
also zu Deutschland, Frankreich und Italien.
Aber in allen drei Bestandteilen lebt kräftig das
Gefühl der politischen Zusammengehörigkeit,
das schweizerische Staatsgefühl; und nicht nur
das Staatsgefühl, sondern auch das Gefühl einer
echten schweizerischen Nationalität und einer
spezifisch schweizerischen Kultur: das Verbin-
dende erweist sich dem Divergenten in allen
wesentlichen Bezügen überlegen. So zeichnen

sich auch in der Kunst der Schweiz die Kultur-
grenzen, besonders die zwischen Deutschland
und Frankreich, deutlich ab, jedoch ist diese
Grenze nicht das Primäre, sondern eine be-
stimmte schweizerische Zusammengehörigkeit
bindet die drei verschiedenen Kultursphären
und trägt über das Trennende den Sieg davon.

Dies hat die Karlsruher Ausstellung zum ersten
Male sinnfällig gemacht. Sie war also keine
bloße Materialdarbietung, sondern eine die Ein-
sicht und Begriffswelt bereichernde Tat. Sie hat
für Deutschland den Begriff einer schweizeri-
schen Kunst geradezu geschaffen, und dürfte
wohl auch die Veranlassung dazu gewesen sein,
daß bei der Münchener Allgemeinen Kunstaus-
stellung im Glaspalast die Schweiz geschlossen
auftritt. Das schweizerische Material ist teils
von der (alten) Münchener Secession, teils von
der Münchener Künstlergenossenschaft herein-
geholt und ausgestellt worden.

Überlegenheit an Kraft, Vielfältigkeit der
Ausdrucksmittel, Gewalt der Vision bewähren
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