Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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Froher und unfroher Ernst

lebt auch in den anderen Zeichnungen eine Lust
der Improvisation, ein so leichter frischer Rhyth-
mus, der zu seinem sehr gefeierten Erstlings-
werk „Tristan und Isolde" in Kontrast tritt und
doch des Künstlers wahres Element erst offen-
bart. Zweifellos hat sich erst hier der Künstler
ganz gefunden, denn in so leichten Nieder-
schriften würde Fremdes, Angenommenes
schlecht bestehen können; Engels war Rhein-
länder, Lebensfreude, Frohsinn geht durch alles.
Bilder leichter Landstreicher, Völkchen von
Zirkus und Schaubuden, Jahrmärkte, wilde
Pferde, Herren, Damen, Bummler in Wald und
Schenken sind sein großes Thema geworden.
Scherzhaftes Märchenspiel reizte ihn und er
war dafür ganz der Richtige. Doch ward er
auch ernstesten Themen gerecht. „Die An-
betung der Hirten", „Sauls Bekehrung", „Die
Vertreibung aus dem Tempel", „Lots Flucht"
und noch andere sind wunderbar echt in Reli-
giosität und Kunst. Auch eine Reihe von Illu-
strationen zu den „Nibelungen", linear und
formal strenger als die genannten Zeichnungen
sind im Ausdruck so lebendig und stark, daß
sie sich als ganz andere neben denen des Cor-

nelius sehen lassen dürfen. Habe ich hiermit
schon Bestes genannt, außer vielen ganz famosen
Landschaften, zumal einige einfache trostlose
Vorstadtviertel, eine kolorierte Winterland-
schaft mit Gärten, die an die Wiener Breughels
denken läßt, so scheue ich mich doch, die Liste
so zu vervollkommnen, wie es sich gehörte. Denn
ich weiß, daß in den Alben, die der Künstler für
seine nächsten Verwandten geschaffen, Blätter
von solch künstlerischer Freiheit, Sicherheit und
Größe sind, daß Engels in ihnen unter seinen
Zeitgenossen als Künstler von außergewöhn-
lichem Rang bleibt. Oft mag er durch Erinne-
rungen gehemmt worden sein im Fluß der Im-
provisationen, denn die Freude an der formalen
Durchbildung einer einzelnen Figur bringt ge-
legentlich in den wundervollen Strom Caesuren.
Das Vollkommenste seiner Kunstund Auffallende
ist in den flüchtigsten Pinselmalereien.

Die Ausstellung wird die Blicke aller Samm-
ler auf das Werk dieses Mannes lenken, der
in München eine ganz andere Rolle zu spielen
berufen gewesen wäre, wenn er sich nicht gar so
gescheut hätte, sich einen breiteren Weg in die
Öffentlichkeit zu bahnen. . . bredt—München.

FROHER UND UNFROHER ERNST

Nicht selten sieht man auch verständige Men-
schen vor ernster oder tragischer Kunst
fliehen. Sie beanspruchen mit Recht, daß die
Kunst ihnen Freude bringe. Aber sie be-
gehen den Fehler, die Freude gleichsam nur im
Rohstoffen direkter, buchstäblicher Ausformung
haben zu wollen. So bevölkern sie im Theater
die Lustspiele und Operetten, während sie der
Tragödie aus dem Weg gehen; und in der bil-
denden Kunst lehnen sie das Ernste, Erschüt-
ternde, anscheinend Düstere ab und suchen nur
das auf, was schon dem Gegenstande nach lieb-
lich und erfreulich ist.

Man soll diese Menschen nicht schelten, denn
es leitet sie ein im Grunde richtiger Instinkt.
Aber man soll sie eines Besseren belehren, wenn
dieser Instinkt sie verblendet gegen die uferlosen
Schätze von Freude, die gerade im ernsten
Wort der Kunst verborgen liegen können. Ihr
Instinkt geht richtig, wenn es Kunstwerke ab-
lehnt, in denenTrauervolles auf niederdrückende,
negative und also engherzige und enggeistige
Weise ausgesprochen ist. Er geht aber falsch,
wenn er Kunstwerke ablehnt, die das Lied der
ewigen Freude in ernster Tonart singen, die den
Tod nur zu dem Zwecke darstellen, um seine
Einfügung in das unendliche Leben zu zeigen.
Gibt es etwas Stärkeres und Freudigeres, als

wenn im Kunstwerk der Tod dem Leben unter-
geordnet wird? Ist es nicht kurzsichtig, die Dar-
stellung des Negativen auch dann zu scheuen,
wenn dadurch nur der Sieg des Positiven gezeigt
und verherrlicht werden soll? Niederdrückender
Ernst und freudiger Ernst sind nicht zwei Ab-
wandlungen einer und derselben Sache, sondern
diametrale, sachliche Gegensätze. Hölderlin läßt
im „Empedokles" seine Panthea sagen: „Nicht
in der Blüt' und Purpurtraub ist heil'ge Kraft
allein, es nährt das Leben vom Leide sich". Er
hat weiter gesagt: „Wie dunkler Wein erfreut
auch ernster Sang", und die Tragödie des Sopho-
kles hat er im tiefsten gedeutet durch das Wort:
„Viele versuchten umsonst, das Freudige freudig
zu sagen; hier spricht endlich es mir, hier in der
Trauer, sich aus". Womit geradezu behauptet
wird, daß das Allerfreudigste sich nicht auf freu-
dige, sondern nur auf ernste Weise sagen läßt.

Vor ernster Kunst scheuen, bedeutet (voraus-
gesetzt, daß der Ernst Sprachrohr jener höch-
stenFreude ist), einer vordergründigenTäuschung
erliegen. Es bedeutet, am Buchstäblichen haften
bleiben, wie die Kinder, und den Zusammen-
hang nicht durchschauen. Es bedeutet, am Kar-
freitag Anstoß nehmen und den Glanz des Oster-
sonntags nicht sehen, der das Grab mit lauter
Herrlichkeit bedeckt.......... n. r.
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