Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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»GARTEN PROF. DR. R.—ZÜRICH«

ZÜRICHER GARTENGESTALTUNG

Jeder Garten ist ein Zusammenstoß zwischen
Mensch und Element, Baukunst und Natur,
gebundenem und freiem Raum; ja letzten Endes
zwischen Zwang und Freiheit überhaupt, wobei
unter „Zwang" eine geistig-kristallinische Ord-
nung, unter „Freiheit" eine rein naturhafte Ord-
nung zu verstehen ist Von einer Zeit zur an-
dern hat der Mensch im Gartenbau die Tren-
nungslinie zwischen beiden Bereichen verschie-
den gezogen. Er hat einmal der Natur, das
andre Mal der kristallischen Ordnung mehr Spiel-
raum gegeben. Diese Verschiedenheiten kulmi-
nieren historisch im Gegensatz zwischen dem
englischen Garten und dem französischen Gar-
ten des 18. Jahrhunderts. Der erstere läßt den
vollen Schwall des Naturlebens in den Garten
einströmen, und zwar gibt er im engeren Sinn
stilisierte Landschaft mit den Mitteln des
Baumschlags und der freien Rasenfläche. Seine
Gesinnung ist die, daß der Mensch sich sehnend
zur Natur als Landschaft hiniiberneigt; er sucht

Befreiung von sich, er strebt in der Natur aufzu-
gehen. Der französische Garten zeigt seine Son-
derart am schärfsten darin, daß er die gewach-
sene Natur in architektonische Form zwängt. Er
denkt so wenig daran, der Natur freien Spiel-
raum zu lassen, daß er ihr Wachstum geradezu
dem ihm feindlichen Gesetz unterwirft. Der
Mensch tritt der Natur nicht als Liebender und
Sehnsüchtiger, sondern als Eroberer und Ge-
walthaber entgegen. Im Falle des englischen
Gartens empfindet der Mensch seine Ge-
trenntheit von der Natur und sucht sie zu über-
brücken. Im Falle des französischen Gartens
setzt sich der Mensch selber als ein Stück Natur
dem freien Wachstum entgegen. Germanische
und romanische Sonderart heben sich genau
und bedeutsam von einander ab.

Ebenso scheint mir die Gartengestaltung der
Züricher Gartenarchitekten Otto Froebels Erben
bezeichnend für die heutige geistesgeschichtliche
Situation, und zwar im glücklichsten Sinne.

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