Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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DER „LITERARISCHE" EINSCHLAG

Wir alle sind mit der Scheu vor dem „lite-
rarischen" Einschlag in der bildenden
Kunst aufgewachsen. Denn in unsre Jugend
fiel die Hochblüte des Impressionismus. Da hieß
es: Bildende Kunst hat es nur mit dem Auge
zu tun. Was im Gemüt vorgeht, was sich ans
Denken, Meinen, Fühlen richtet, betrifft die
bildende Kunst nicht; ja es ist in ihr ein Fremd-
körper. In einer Unzahl von Büchern und Auf-
sätzen ward die „Literatur" verflucht, und Lite-
ratur hieß alles, was über Chromgelb und Krapp-
lack, Zeichnung und Valeurs, Atmosphäre und
Tonalität hinausging. Das hatte seine weit-
tragenden Folgen. Wir alle kennen noch den
Malertyp (den durchschnittlichen natürlich), den
jene Zeit hervorbrachte. Er liebte es, ein krach-
lederner, illiterater Naturbursche zu sein oder

sich als solchen aufzuspielen. Geistige Bildung
ward von Vielen als ein nicht nur unnützer,
sondern sogar schädlicher Ballast angesehen.
Vorwürfe, die irgend eine außersinnliche An-
züglichkeit besaßen, wurden gemieden wie die
Pest. Ausdrücklich wurde als Forderung aufge-
stellt, daß der Maler möglichst „nichtssagende"
(d. h. nichts sagende) Gegenstände zu wählen
habe. Jedes Ansprechen der Gefühle oder
Geisteskräfte des Beschauers galt als Verrat an
der Kunst. Kurz: die Theorie wie die Praxis
huldigte der Auffassung, daß die Kunst es nur
mit einem Teil des Menschen zu tun habe; sie
huldigte der Fiktion, daß der Mensch ihr gegen-
über nur Gesichtssinn sei, nichts sonst.

Es ist bekannt, daß der Expressionismus
dieser Einseitigkeit die genau entgegengesetzte
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