Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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KURT PAECKELMANN—ELBERFELD

»BLUMENTÖPFE TTN'I) SCHALEN«

BLUMEN, FRÜCHTE UND KERAMIK

Was dem Licht der Leuchter, das ist der
Blume der Becher, die Vase, die Schale:
Fassung und Formung, die ein bestimmtes Auf-
treten der Blume und eine bestimmte Wirkung
gewährleistet, und überdies eine Überleitung
von dem naturhaften Leben der Blume zu den
Stoffen und Dingen des Raumes. Auch mit
dem Verhältnis zwischen Bild und Rahmen
könnte man die Dienste vergleichen, die die
Vase der Blume erweist. Selbst das positivste
Gemälde ist in ungerahmtem Zustande ein zwar
edler, aber im Unbestimmten schwebender Roh-
stoff; der Rahmen erst zieht seine Wirkung ins
Bestimmte, er bringt die Anwendung, die Ein-
fügung des Bildes, ja in gewissem Sinne liefert
er erst die eigentliche Individualisierung.

Was kann die Vase, die Schale nicht alles
mit der Blume anfangen! Sie kann die Stengel
knapp zusammenfassen, was sich besonders bei
weichfallenden Stielen sehr gut macht, weil da-
durch die Kelche zu einer dichten Dolde ver-
einigt werden. Sie kann die Blumen aber auch
weit nach außen ziehen, zum Kranz, und ihnen
das zartgebettete Liegen von Kindern in der
Wiege geben. In jedem Falle sichert sie der

Blume den Auftritt, die Regie; sie wirkt als die
hinweisende und verehrende Geste, sie wirbt
für die Blume, weil sie, indem sie sie vorstellt,
gleichsam eine Interjektion der Bewunderung
hinzufügt.

Gerade die Art, wie Kurt Paeckelmann die
Keramik behandelt, macht sie zum Dienst an
Blumen und Früchten besonders geeignet: der
gedämpfte Glanz des einfarbigen Materials, die
schmiegsamen, weich geschwungenen Formen
kommen der Blume in jeder Weise entgegen.
Angenehm berührt es dabei, daß die Formen
mit Ruhe und Bescheidenheit auftreten. Sie
haben keinen Ehrgeiz nach dem Übereleganten
oder Mondänen, aber sie geben gute, erprobte
Linien von gewähltem Geschmack.

Insofern die Blumenschale die Verbindung
zu den Raumdingen hinüber liefert, ist sie aber
selbst Bestandteil des Raumes und gehört zu
ihm. Deshalb machen die Vasen, die Schalen
und Becher die Entwicklungen der Raumdinge
mit: die Zeit mit ihren wechselnden ästheti-
schen Auffassungen geht durch sie hindurch.
Welch ein Unterschied ist etwa zwischen der
Gesinnung der paradox geformten, buntglasier-

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