Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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REN E F.
RINTENIS.
»LÄUFER«

(flechtiieju]

VOM KÜNSTLERISCHEN BEWUSSTSEIN

VON MALER ALEXANDER ISERTELSSON—DRESDEN

Der Irrtum, daß der Künstler die Natur als
Vorbild nicht brauchen könne, ist eben so
groß, wie der Irrtum, daß der Künstler die Natur
nachbilden müsse. Beide Irrtümer hängen eng
zusammen, weil sie von der Überzeugung her-
geleitet werden, daß die Dinge der sichtbaren
Welt etwas Positives seien, etwas was man
unter Überwindung von einigen technischen
Schwierigkeiten nachbilden könne. Die Erfah-
rung lehrt, daß noch niemals ein Ding der Natur
objektiv richtig nachgebildet wurde, weil eine
objektive Nachbildung unmöglich ist, weil die
Realität ein sehr relatives Sein besitzt. So auch
nur ist der Ausspruch Leibis zu verstehen:
„Wenn ich nur alles so abmale, wie ich's sehe,
dann ist die Seele schon mit dabei", daß man
die Natur nicht seelenlos nachahmen könne,
weil die Innerlichkeit des Menschen sich stets
zwischen das nachgebildete Weltbild drängen

und dadurch das objektive Weltbild zerstören
wird. Das Genie aber besitzt die Fähigkeit,
Dinge in der Natur zu erblicken, die auf rein-
ster Wahrheit beruhend, bislang aber von Nie-
mand gesehen wurden, weil das Genie eine
unverfälschte, ursprüngliche Anschauungskraft,
ein reiches künstlerisches Bewußtsein besitzt.
Solche Künstler können denn auch Wahrheiten
aus der Natur herausreißen, wie Dürer sagte,
die wie Offenbarungen wirken. Auch das Para-
doxon Oskar Wildes, daß die Natur den Künst-
ler nachahme und nicht der Künstler die Natur,
ist nur so zu verstehen, daß der anschauende
Mensch die Natur garnicht mit eigenen Augen
sehen könne, sondern, daß die allgemein herr-
schende Naturanschauung, die wiederum nur
Produkt künstlerischer Einsichten vorhergehen-
der Generationen ist, ihn lehrt die Natur nach
ganz bestimmten Gesichtspunkten hin zu be-
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