Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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ORIGINAL UND REPRODUKTION

Als wir jung waren, setzte eben der Kampf
l. gegen die Schundreproduktion ein. Alle
Arten des „Öldrucks" wurden in Verruf getan,
und wir selbst waren nicht die letzten, die
an der Säuberung der Zimmer, der „Salons",
von klischierter Kunstgeschichte leidenschaftlich
mitwirkten. Ich erinnere mich eines Aufrufs
des verdienten Münchener Kunstgelehrten Carl
Voll, der die gesamte Kunstliebhaberwelt auf-
forderte, doch lieber Graphikoriginale junger
Künstler zu kaufen als die ewigen, höchst frag-
würdigen Nachdrucke der „Sixtinischen" und
der „Nachtwache" an die Wände zu klecksen, —
also lieber mit gleichen Aufwendungen einer
lebenden, originalen Kunst zu Hilfe zu kommen,
als jener Pseudokunstkultur zu fröhnen, die
doch nur schiefe Eindrücke unnachahmlicher
Werke vermittle. (Daß damit der feinsinnige
Kunstpädagoge, wie es Carl Voll war, zwischen
den Worten zugleich eine persönlichere Kunst-
kultur anempfehlen wollte, — denn Graphik
verlangt denn doch mal ein viel gründlicheres
Eingehen auf ihre Intentionen als es der Malerei
gewöhnlich zugestanden wird, — das verlieh
diesem Aufruf die innere Intensität.)

Das Dutzend Jahre, das inzwischen verflossen
ist, hat wieder einmal eine gründliche Wandlung
gebracht. Sah damals die snobistische Zu-
spitzung in jeder Art Reproduktionskult schon ein
Zeichen von Unbildung, so sieht man heute nun
wieder in den „besten Häusern" die einst viel-
gelästerte Reproduktion, nach Öl und nach
Graphik, in Mappen und gerahmt. Und wahr-
lich, auch der kritische Beurteiler wird heute
nicht mehr ohne Einschränkung jene Verdam-
mungsurteile auffrischen, wie sie damals für
derlei so schnell zur Hand waren.

Also wieder einmal der proteushafte Ge-
schmack, der sich eben „geändert" hat? Nicht
doch! Schauen wir näher zu. Der gleiche Ge-
schmack, der damals verurteilen mußte, darf
heute billigen. Nicht er, nein: das zu Beurtei-
lende hat sich geändert: die Reproduktion! Ge-
wiß: gute Reproduktion hat es auch vor 15 Jah-
ren schon gegeben. Aber doch immer als Aus-
nahme. Die vorzügliche Qualitätsreproduktion ist
eine Leistung der letzten Jahre. Und die Spitzen-
leistungen darin sind heute wirklich über allen
Vergleich mit früheren erhaben.

Wir können hier nicht auf die sehr präzisen
und sehr umständlichen Verfahren eingehen, die
diese Entwicklung ermöglicht haben. Nur die
ästhetische Wirkung wollen wir hier betrachten.

Und die Wirkung dieser Wirkung ! Nämlich so:
Wir haben es längst eingestanden, daß uns eine
Reproduktion nach Franz Marc aus der Reihe:
„Sieg der Farbe", oder eine nach Cezanne aus
der Reihe der „Piperdrucke" oder die in Wien
edierten des Amaltheaverlags reine Freuden
bereiten. Daß wir nicht anstehen, sie immer
und immer wieder zu betrachten, ja, sie uns
für eine Zeitlang ins Zimmer zu hängen. Wesent-
lich zur Wirkung dieser Drucke trägt natürlich
die peinliche Wahrung oder doch Annäherung
an die Größe der Originale bei. Und wenn nun
gar noch der für das Original einmal als passend
gefundene Rahmen auch noch für die Repro-
duktion beibehalten wird, auch er in getreuester
Nachahmung, — und das ist bei den Piper-
drucken z. B. immer der Fall, — so geben wir
uns ohne Widerstreben der intensiven Täusch-
ung hin und genießen in unsern vier Wänden
fast ohne moralische Wertminderung das, was
uns sonst nur in den seltenen Stunden des Mu-
seums- oder Sammlungsbesuches vergönnt ist.

Nun aber die Wirkung der Wirkung: wir
stutzen vor dem ■— Original. Ja, so restlos
haben wir uns der angenehmen Täuschung hin-
gegeben, daß wir den Gedanken ans Original
ganz vergassen, daß wir das Original also ent-
wirklichten, und nun, da es uns wieder gegen-
übertritt, durch seine Tatsache fast — befrem-
det sind. Das heißt: die Reproduktion ist nicht
mehr wie früher Andeutung des Eigentlichen,
so daß dessen, des Originals Anblick endlich
wie langersehnte und vorversprochene Erfüllung
wirkt. Nein — die Güte der Reproduktion hat
diese Erfüllung schon fast gänzlich vorausge-
nommen. Wir wollen, um unsere Empfindung
darüber recht deutlich zu machen, das Paradox
wagen: das nach vielen Reproduktionen end-
lich erschaute Original — enttäuscht uns.

Zugegeben: wir haben den Tatbestand ins
Paradox getrieben. Immerhin: wer z. B. auf der
Dresdner Internationalen Ausstellung Cezannes
„Junger Mann mit der roten Weste" plötzlich
im Original vor sich sieht, wird sich eines etwas
zwiespältigen Eindrucks kaum erwehren können.
Das Original erscheint uns schon fast überflüssig
nach dem ausgezeichneten Piperdruck. Die Ver-
vielfachung des einen, des originalen Exem-
plars, durch die Reproduktion hat jenes gleich-
sam verdünnt, hat die jenem allein zustehenden
Werte in sich aufgesaugt. Das Original, nicht
die Reproduktion, ist entwertet. Und es bedarf
nun einer recht absichtlichen Besinnung, daß
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