Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 59.1926-1927

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DIE SACHAROFFS

VON ALFRED MAYER

Alexander und Clotilde Sacharoff (Clotilde
J~\ von Derp) sind noch aus der Vorkriegszeit
unvergessen in München, da sie hier ihre Tän-
zerlaufbahn begannen. Inzwischen ist dieses
Paar zu internationaler Berühmtheit gelangt und
kehrte jetzt zum ersten Male nach Deutschland
zurück. Der Tanzabend der Sacharoffs in der
dichtbesetzten Münchner Tonhalle gestaltete
sich zu einem künstlerischen Fest. . .

Alexander Sacharoff erscheint in Bezug auf
exakte Ausführung, in der Stilsicherheit, mit der
er historische Tänze nachempfindet, noch ge-
wachsen. Gleichviel, ob er Renaissance, Louis
Quatorze, Goya, Cakewalk oder modernen
Walzer bietet, er ist immer vollendet und seine
Einstellung auf die Musik aus einem Guß.

Die Erscheinung der Clotilde von Derp hat sich
aus dem Zart-Mädchenhaften ins Jung-Frauliche
entwickelt; ihre Anpassung an den Partner bei
Wahrung der Eigenheit ist bewundernswert.

Sehr unterstützt werden beider Tanzleistun-
gen durch die fabelhaften, von Sacharoff selbst

entworfenen Kostüme. Alle Elemente des
Tanzes sind künstlerisch gemeistert und innig
verschmolzen mit der Musik, der sie dennoch
nicht die erste Inspiration verdanken. Eine
Selbstverständlichkeit ist in diesen Tänzen, die
gerade heute wahrhaft erquickend wirkt, weil
alles Weltanschauliche möglichst ausgeschaltet
bleibt. Wohl entspringen sie einem Geist ge-
wordenen Intellekt, aber sie werden in der Art,
wie die Bewegung fortklingt durch den ganzen
Körper bis in die Arme, Fuß und Fingerspitzen,
alsTemperamentsäußerungen empfunden. Wenn
auch Sacharoff die lenkende Kraft bleibt, so
erscheint es dennoch wie ein Wunder, wie diese
sehr verschiedenen Temperamente zu höchster
Einheit und Harmonie zusammenklingen.

Die vollkommenen Leistungen dieses Tänzer-
paares werden einesteils aus der Tradition des
russischen Balletts verständlich, andererseits
erkennt man, wie hier produktive Künstler sich
den formschaffenden Gesetzen des Tanzes von
allen Seiten zu nähern und sie zu erfüllen suchen.
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