Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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EIN JUBILÄUM

Vor wenigen Wochen feierte die Wiener Werk-
stätte die 25. Wiederkehr ihres Gründungstages.
Wir gedenken dessen in Dankbarkeit für das Ge-
leistete und in Befriedigung darüber, daß es ge-
lungen ist, die wirtschaftliche Basis des Unter-
nehmens, die eine Zeitlang im Zusammenhang
mit den allgemeinen Schwierigkeiten der öster-
reichischen Wirtschaft erschüttert schien, neu zu
festigen.

Mit einer bewundernswerten Konsequenz ist die
Wiener Werkstätte dem einmal beschrittenen
Wege treu geblieben. Daß sie sich nicht zu be-
irren lassen brauchte von den Wandlungen und
Erschütterungen, denen die junge Bewegung des
Kunstgewerbes seit Anfang dieses Jahrhunderts
ausgesetzt war, verdankt sie der kulturellen
Fruchtbarkeit des Wiener Bodens, mit dem sie
unlösbar verbunden ist und auf dem ihr eine
Fülle von künstlerischen Talenten erwachsen ist,
verdankt sie aber auch der Tatkraft und uner-
schöpflichen Phantasie des Mannes, der von Anfang
an Ihr Leiter war und der sie heute noch be-
herrscht: Josef Hoffmann. Die Besonderheit die-
ses reichen Talents, das sich in Bauten ebenso wie
im spielerischen Kunstgewerbe bewährt, die selt-
sam lebendige Mischung von Klassizismus, Barock
und echtem modernen Geist, von Sachlichkeit, die,
wo es die Aufgabe verlangt, bis zu nüchterner
Strenge gehen kann, und echt künstlerischem
Spieltrieb, prägt in der Tat noch heute dem gan-
zen Unternehmen seinen Stempel auf. Noch heute
ist ein großer Teil dessen, was an immer neuen
Erfindungen aus der Werkstätte hervorgeht, Hoff-
manns Werk, noch heute kämpft er mit Leiden-
schaft und Festigkeit für die Geltung und das
Anseihen des Unternehmens und wird darob von
dem in Trägheit des Herzens und des Geschmacks
befangenen Wiener Bürgertum immer noch hef-
tig genug angefeindet. Wir im Norden des Reichs
können uns ja schwer vorstellen, daß das, was
uns, in Vergleich zu dem in harter Arbeit und oft
fast nüchterner Überlegung den wirtschaftlichen
und sozialen Forderungen Abgerungenen mit Tra-
dition und alter Kultur beladen zu sein scheint,
dort wie verwegener Umsturz im Namen der alten
Kultur bekämpft wird. Und wir können am
wenigsten begreifen, daß es gerade die Pariser
Ausstellung von 1925, wo die von Josef Hoffmann
und Adolf Vetter geleitete österreichische Abtei-
lung einen vollen Sieg davontrug und damit zum
ersten Male nach dem Kriege der Welt bewies,
daß Österreich noch etwas zu leisten imstande
war, — daß gerade diese Tat den beiden Männern
die schlimmste Feindschaft einbrachte, weil sie
es gewagt hatten, mit einer gewissen Einseitig-
keit die stärksten schöpferischen Kräfte, wie sie
in der Wiener Werkstätte vereinigt sind, in den
Vordergrund zu stellen.

Damals sah es beinahe so aus, als wäre dieser
glänzende Sieg verfeinerten Geschmacks die letzte

Manifestation einer sterbenden Bewegung, _ als

müsse alles das, was Luxus im alten Sinne, Freude
an der spielerischen Form und an der kostbaren
Arbeit des Einzelslücks heißt, einer härteren Ge-
sinnung das Feld räumen, als käme eine Zeit
herauf, in der alles Streben der Gewinnung ein-
fachster Form, wie sie Technik und Maschine for-
dern, gilt, in der auch noch die Arbeit der Hand
am besonderen Stück sich diesem allgemeinen
Formstreben unterordnen muß. Es ist keine
Frage, daß diese neuen Probleme, wie sie die
Gegenwart zum ersten Male stellt, im Augenblick
die wichtigsten sind, daß die Gestaltung heute in
einem Maße wie nie zuvor nicht von dem Form-
bedürfnis einer kleinen, reichen und kultivier-
ten Oberschicht, sondern von den Lebensnotwen-
digkeiten der Masse und von außermenschlichen
Mächten bestimmt wird. Gerade wir im Reiche
sehen fast nur mehr diese Probleme, und wo ande-
res versucht wird, da wird es oft nur allzu deut-
lich, daß das Formgefühl derer, die nach reiche-
ren und besonderen Dingen verlangen, nicht ge-
rade übermäßig fein entwickelt ist. Das Orna-
ment — in dem man wo'hl so etwas wie den Grad-
messer für das Feingefühl der Luxuriösen und
den Beweis für die Möglichkeit einer Entspan-
nung der Kräfte sehen darf, — ist heute bei uns
in Deutschland meistens keine sehr erfreuliche,
vor allem keine natürliche und notwendige Sache.
Trifft man dann plötzlich, etwa inmitten einer
Ausstellung des dem Luxus dienenden deutschen
„Kunstgewerbes" unerwartet auf Erzeugnisse der
„Wiener Werkstätte", — so glaubt man doch wie-
der, daß auch in dieser harten und strengen Zeit
noch Raum ist für freies, heiteres und empfin-
dungsreiches Spiel, daß auch heute Überfluß und
feinere Empfindung nicht notwendig Gegensätze
zu sein brauchen. Denn hier gibt es noch so et-
was wie ein lebendiges Ornament, hier gibt es
noch ein zweckloses, aus der Entspannung der
Seele entspringendes Spiel der Formen. Und
wenn man darin noch vor kurzem den letzten
Nachklang einer entschwindenden Zeit sehen zu
müssen glaubte, so darf man vielleicht aus der
Tatsache, daß die „Wiener Werkstätte" nicht nur
künstlerisch ihre Frische bewahrt hat, sondern
auch wirtschaftlich einen neuen Aufschwung
nimmt, den Schluß ziehen, daß es sich hier um
ein bleibendes Bedürfnis der Menschheit, um
ewi^e Kräfte handelt, die wohl einmal, von der
Härle und Not des Augenblicks bedrängt, von der
Oberfläche der Zeit fast ganz verschwinden kön-
nen, die aber doch immer wieder mit Naturger
walt hervorbrechen müssen, weil sie zu den Ur-
kräften der Menschheit gehören. Wenn dem so

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