Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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derartiger Auffassung lieber von Corbusier zeit-
lich gestaltet als in mißverstandenem Pathos römi-
schen Barocks zusammengestellt sehen. Selbst
romantische Sachlichkeit liegt unscrm Zeitempfin-
den ungleich näher als barocke Eisenbetonheit.

Trotz allem: das geistige Niveau dieser Werk-
bundtagung war ein großes Versprechen. Hoffent-
lich löst 1932 es ein.

Dr. Artur Wachsberger, Köln

Zum Vortrag Kornmann

Im Anschluß an den Vortrag von Herrn Korn-
mann vom Gustaf-Britsch-Institut mögen einige
Anmerkungen erlaubt sein:

Herr Kornmann scheint mir in seiner Polemik
gegen den bestehenden Kunstunterricht offene
Türen einzurennen. Es ist nach meiner Erfah-
rung doch kaum anzunehmen, daß heute noch
irgendwo irgendein Künstler unterrichtet, der das
Wesen künstlerischer Gestaltung im Nachbilden
der Natur sähe. Möglich, daß solche Anschau-
ungen vor 20 bis 30 Jahren bestanden haben, in-
zwischen hat sich aber — wenigstens außerhalb
Bayerns — einiges geändert. Damit darf gleich-
zeitig gesagt sein, daß für die zugereisten Zu-
hörer die vorgetragenen Wege der Kunsterziehung
keineswegs neu waren. Wenn zugleich mit dem
Aktzeichnen neuerdings wieder Anatomie unter-
richtet wird (an der Breslauer Akademie versuchs-
weise einige Zeit abgeschafft), so geschieht das
doch nicht, um möglichst genau die Natur nach-
zuahmen, sondern, um die Gesetzmäßigkeit der
menschlichen Bildung klarzustellen. Ich kann mir
kaum etwas Notwendigeres denken — und welcher
Maler wird Bilder nach sogenannten perspektivi-
schen Gesetzen komponieren lassen! Kornmann
tut dem unterrichtenden Künstler unrecht, wenn
er solche Öde der Anschauung voraussetzt.

*

Zu sagen, daß für die bildnerische Qualität
Seelisches als Unsichtbares nicht vorhanden wäre,
ist reine Theorie, völlig abstrakter Grundsatz wie
eine mathematische Formel. Man sollte nicht ver-
suchen, schöpferisches Gestalten in dieser Weise
zu zersetzen, es liegt jenseits solcher Disziplinen.

Man kann in der Ausstellung deutlich beobach-
ten, wie die Ausschaltung des Intuitiven zu wesent-
licher Minderung der Qualität führt (z. B. Thema
Vogel Bild 3 viel stärker als Bild 6, die Entwick-
lung des „Tierzeichnens" [Reh] geht katastro-
phal nach unten).

Herr Kornmann ist nur konsequent, wenn er
sagt, daß daher auch ,,Spannung", „Funktion"
und ähnliches die bildnerische Qualität als un-
sichtbare Elemente nicht beeinflussen könnten.
Aber das ist ein schlimmer Trugschluß. Span-
nung, Funktion sind wie Rhythmus selbstverständ-
lich sichtbar — für den, der sehen kann. Würde
man z. B. ein Bild aus nichts weiter als aus zwei
Punkten oder zwei Kreisen bestehen lassen, so
könnte unter Umständen das Bild allerdings nichts
weiter sein als eben diese beiden Punkte. Es

könnte aber auch so komponiert sein, daß zwi-
schen diesen Punkten eine Beziehung entstünde,
die man Spannung oder gleichviel wie nennen
könnte. Das heißt, hier kommt ein Drittes, un-
sichtbar Sichtbares hinzu, das mindestens ebenso
wichtig ist wie das sichtbar Sichtbare. „Seele"
als Unsichtbares und „Körper" als Sichtbares sind
zu primitiv als Begriffe, um eine Theorie darauf
aufzubauen.

Daß die bildnerische Qualität eines Kunstwerkes
allein auf seinem sichtbaren Inhalt im Sinne
„Körper" beruhen kann, ist ebenso unhaltbar wie
etwa die Behauptung, daß die Erscheinung eines
Menschen nur aus seiner Körperlichkeit bestünde.
Körper und Seele, wenn man sich schon an diese
Begriffe hallen willl, erst machen den Menschen;
leicht zu beweisen, denn tötet man einen Men-
schen körperlich, so tötet man auch seine Seele,
tötet man ihn seelisch, so auch seinen Körper.

Ebenso besteht ein Kunstwerk aus Sichtbarem
und Unsichtbarem; ganz selbstverständlich, denn
Materie ist immer an Immaterielles geknüpft,
nicht denkbar ohne diese Verknüpfung. Mir
scheint irgend etwas Lebendiges, also auch leben-
dig Wirksames ohne diese Bindung nicht möglich.

*

Nicht ganz verständlich scheint, wozu Herr
Kornmann diese Theorie nötig hat und für ihn
sprechend, daß in den Resultaten seiner Erziehung
die Theorie in keiner Weise zum Vorschein
kommt. Sehr schön und sehr weise die Beschrän-
kung auf das Detail gemäß der vorhandenen Kraft
(Ausschaltung der Raumdarstellung). Das Resul-
tat ist entsprechend oft von sehr starker Wir-
kung, sicherlich ein großer Fortschritt gegenüber
dem üblichen gedankenlosen Übernehmen von
schon Gesehenem.

Zu achten wäre vielleicht darauf, daß ein ge-
wisser geschmackvoller Manierismus nicht über-
handnimmt, manchmal liegen auch Vorbilder wie
William Morris allzunahe. Sie mögen sympathi-
scher sein als das Vorbild der Ansichtskarten, wie
es in der Nachbarahtcilung manchmal zu sehen ist.
Im Prinzip würde es ein ebenso großes Entgleiten
vom eigentlichen Unterrichtsziel fort bedeuten.

Rading

Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes:

Dr. Hildegard Schwab-Felisch, Berlin \Y f(-, Potsdamer Straße 93
Prof. Bruno Paul, Berlin SW II, Prinz-Albrecht-Straße 8
Dr. .-lrfur Wachiberger, i. Fa. Gustav Karl Lehmann, Köln,

1 Iohenzollernring 48
Prof. Adolf Itading, Breslau I. Kaiserin-Augusta-Platz 3

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