Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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in der Leipziger Straße, so wird einem klar, daß
Licht und Architektur eng zusammen gehören und
daß das Licht mehr ist als eine von außen heran-
getragene Zutat.

Die Berliner Lichtwoche hat aber weiterhin
auch gelehrt, wie unendlich schwierig es ist. in
eine Großstadt, die geworden ist und nicht kon-
struiert, mit Hilfe des Lichts Bindung und Rhyth-
mus zu bringen. Die architektonischen Massen
und das Konglomerat von Lichtreklame, das sich
angehäuft hat, machen es unmöglich, aus dem
Großsladtbild am Abend ein disziplinierteres Bild
zu machen als am Tage. Die bereits vorhandenen
Lichtreklamen lassen sich nicht überstrahlen und
zusammenziehen. Das hat der Lichtbaldachin in
der Leipziger Straße gezeigt.

Wenn demonstrative Beispiele guter Lichtge-
staltung gezeigt werden sollen, so kann das nur in
Straßen- und Stadtteilen geschehen, die vom Licht
noch unberührt sind. So hat man es hei dem
Lichtturm im Tiergarten am Großen Stern gehal-
ten, der dort auch glänzend zur Geltung gekom-
men ist. Natürlich sind das Experimente ohne
jede Bindung an den kommerziellen Bedarf und
Experimente, denen deshalb die treibende Kraft
fehlt.

Angesichts dieser Feststellungen wird man die
Ordnung und Systematisierung der Lichtreklame,
die Ernst May in Frankfurt anstrebt und deren

Begründung er in einem Aufsatz über Städtebau
und Lichtreklame in dem soeben erschienenen
Buch ..Licht und Beleuchtung"*) niedergelegt hat,
besser verstehen können. Die beste Entwicklung,
die eine selbstverständliche Organisierung der
Lichtreklame herbeiführen wird, wäre das immer
stärkere Durchsetzen der modernen Geschäfts-
hausarchitektur mit dem neuen Baumaterial der
großen Glasflächen und den Metallkonstruktionen.
Hier zeigt sich etwas, was in der Entwicklung der
Gestaltung öfter eintritt, daß technische Möglich-
keiten und neue Materialien gerade dann auf-
treten, wenn ein neuer gestaltende!' W ille sie
geradezu braucht. Es kommt hinzu das Bestreben,
das Geschäftshaus als Steinmonument aufzulösen,
nach der Straße hin zu öffnen und die denkbar
beste Auswertung des natürlichen und des künst-
lichen Lichts für die Darstellung der Waren durch
\ ei Wendung möglichst großer Glasflächen zu er-
reichen. Wenn so das moderne Geschäftshaus bei
Abend immer mehr Lichtbau wird, so werden
andere technische Elemente der Lichtreklame die-
sem Lichtbau organisch eingegliedert werden.

Es war selbstverständlich zu erwarten, daß die
Berliner Lichtwoche nach der künstlerischen Seite
hin keine endgültigen Lösungen zeigen konnte;
sie sollte auf den neuen Faktor des Lichts auf-
merksam machen und möglichst viel Menschen auf
die Straße ziehen. Das isl in starkem Maße er-
reicht worden. W. L.

•) Licht und Beleuchtung. Lichttechnische Fragen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Architektur, in Leinen gebunden 5 RH.,
Verlag Hermann Reckendorf G. in. b. II., Berlin \\ 35.

BAUTEN DER GROSSINDUSTRIE

Wie wir hören, hat Hans Poelzig den Auftrag
erhalten, das große Verwaltungsgebäude der I. G.-
Farben in Frankfurt am Main zu hauen. \ oraus-
gegangen war ein beschränkter A\ ettbewerb unter
einer Reihe ausgezeichneter Architekten, aus dem
Poelzig als Sieger hervorgegangen war. Soviel
wir wissen, war ursprünglich geplant, den Bau
durch den Werkarchitekten ausführen zu lassen.
Wenn das l nternehmen schließlich doch noch von
diesem Plane abging, so bewies es. daß es sich der
Verantwortung bewußt ist, die die Großindustrie
als die mächtigste Bauherrin der Gegenwart zu
tragen hat. Nur die stärksten schöpferischen
Kräfte der Baukunst dürfen zu solchen Aufgaben
herangezogen werden. Weder die Rücksicht auf
mögliche Ersparnisse noch auf die Zufälligkeit
des persönlichen Geschmacks der leitenden Männer
darf dabei eine Bolle spielen.

Manchmal geht es auch anders. Der Thyssen-
Konzern hat bereits vor längerer Zeit zur Erlan-
gung von Entwürfen für ein neues Verwaltungs-
gebäude einen Wettbewerb, ebenfalls unter nam-
haften Architekten, ausgeschrieben. Nun lesen wir
in der ^Rheinisch-Westfälischen Zeitung", daß

keiner dieser Entwürfe ausgeführt werden soll,
da sie den maßgebenden Männern des Konzerns
„zu modern" seien. Man wolle einen Bau von
gemäßigter Formgebung und hoffe das am ehesten
zu erreichen, wenn man einem der Werkarchi-
tekten den Entwurf überträgt. Dr. Paul Cremers,
der in jenem Blatte über dieses Vorkommnis ge-
schrieben hat. ha1 ganz recht: Wenn die Industrie
anfängt so zu \erfahren, so verzichtet sie frei-
willig auf den stolzen Ruhm, den sie sich in den
letzten Jahrzehnten dadurch errungen hat, daß
sie die stärksten Kräfte der Baukunst für ihre
Vufgaben heranzog. I nil es gerät wahrhaftig
dadurch die gesamte Entwicklung der Baukunst
in Gefahr. Schließlich werden sich die starken
Kräfte doch durchsetzen, weil ganz offenbar in
der Gegenwart ein sehr starker Drang nach Er-
neuerung der Architektur lebendig ist. Und dann
haben den Schaden diejenigen zu tragen, die aus
irgendeiner persönlichen Einstellung heraus nicht
den Mut gefunden haben, sich der stärksten Kräfte
zu bedienen: man wird ihre Bauten nicht mehr
ansehen . weil sie der großen Gesinnung ermangeln.
Es isl noch Niel zu hm bis 1932! W. Riezler

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