Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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RUNDSCHAU IN BAUPOLITIK UND BAU Wl RTS C HAFT

Seltsame Methoden.

Nicht zuletzt städtebauliche Probleme waren es,
die den Groß-Berliner City-Ausschuß veranlaß-
ten, eine gemeinsame Studienreise von Beamten
und Kaufleuten nach London und Paris zu orga-
nisieren. Das Problem der werdenden deutschen
Weltstadt sollte einmal von den Leuten, die da-
mit ex officio zu tun haben, in der Parallele mit
den wichtigsten europäischen ^Vellslädten gesehen
werden. Wochenlang wurde die Reise vorberei-
tet, die zuständigen preußischen Minister gaben
ihre Zustimmung, der Finanzminister bewilligte
die Mittel für die Beamten, die mitfahren sollten,
Empfangskomitees in Paris und London, dabei
einige höchst offizielle Persönlichkeiten, hielten
sieh bereit. Da, in letzter Minute, griff der preu-
ßische Ministerpräsident Braun ein und unter-
sagte den Beamten die Teilnahme an der Beise,
die auf diese Weise sinnlos und abgesagt wurde.

Dieser Vorgang steht — abgesehen vielleicht
von wilhelminischen Zeiten — sicher einzig da.
Welche Hintergründe — und die Sache hat ihre
Hintergründe! — dabei noch zutage treten wer-
den, ist im Augenblick der Niederschrift noch
nicht zu übersehen. Anfänglich wurde versucht,
die öffentliche Meinung durch die Meldung zu
verwirren, der City-Ausschuß habe die Beise-
kosten für die Beamten tragen wollen und hier-
gegen habe sich Braun gewandt; die Meldung ist
falsch: diese Kosten hatte der Finanzminister aus
öffentlichen Mitteln bewilligt. Sodann hieß es,
ein älterer prinzipieller Beschluß verbiete Beam-
ten die Teilnahme an privaten Studienreisen; selt-
sam, daß man von diesem Beschluß bei früheren
ähnlichen Anlässen keinen Gebrauch gemacht und
ihn hier erst im letzten Augenblick entdeckt hat.
In der ersten Nachricht wurde ferner sofort der
Berliner Oberbürgermeister Böß in Schutz genom-
men (den niemand angegriffen hatte): er habe
nicht auf Braun tendenziös gegen die Beise ein-
gewirkt. Ob dieses Dementi richtig ist? Man kann
es bezweifeln, da immerhin Dr. Koppel, Ge-
schäftsführendes Präsidialmitglied des City-Aus-
schusses, dem ..Berliner Tageblatt" in einem Inter-
view erklärt hat, Böß sei von vornherein gegen
die Beise gewesen und habe dem Stadtbaurat Wag-
ner die Teilnahme nur auf seine eigene Verant-
wortung freigegeben. Schließlieh wurde halbamt-
lich verlautbart, die Beschwerde des City-Aus-
schusses sei abgelehnt worden; aber der Ausschuß
hat niemals eine Beschwerde eingelegt.

Diese Methoden des amilichen Apparates
machen nicht den Eindruck, als ob hier eine gute
Sache verteidigt würde. Man kann auch nicht
etwa sagen, der Streit sei parteipolitisch vergif-
tet: der Sozialdemokral Braun und der Demokrat
Böß sind gegen, der Sozialdemokrat Grzesinski
und der Demokral Höpker-Aschoff für die Beise.
Es müssen also andere Gründe vorhanden gewe-
sen sein, das Ausland zu brüskieren, das Aus-

wärtige Amt, ohne dessen Wohlwollen der Reise-
plan sicher nicht soweit gefördert worden wäre,
zu desavouieren, und den Gedanken der Selbst-
verwaltung zu schädigen. Kenner der Verhält-
nisse glauben hinter dem Oberbürgermeister den
Schalten eines ehemaligen Berliner Baugewaltigen
(und seiner Freunde) zu erkennen, ohne dessen
Genehmigung einst kein Ziegelslein von einem
Berliner Dach fallen durfte. Die städtebauliche
Initiative der Wirtschaft, die sogar einen General-
bebaungsplan für Berlin forderte, soll ihm und
seinesgleichen sehr auf die Nerven gefallen sein.

Zur Diskussion der Großkreisfrage.

Die Tagung der Deutschen Gartensladtgesell-
schaft in Bielefeld hat die Diskussion über die
Großkreisfrage auf ein neues Gleis gebracht. In
kommunalpolitischen Kreisen ist man zwar der
Auffassung, daß die Frage selbst als erledigt an-
zusehen sei, da der Landkreistag sich für nicht
interessiert erklärt hat. Die Lebhaftigkeit, man
möchte fast sagen die fanatische Eindringlichkeit,
die in Bielefeld gerade auch seitens der Landräte
bei der Diskussion in Erscheinung trat, scheint die-
ser Auflassung doch zu widersprechen. Es wurde
beschlossen, eine paritätische Studienkommission
einzusetzen, bestehend aus Bürgermeistern, Land-
räten und zwei Sachverständigen: Dr. Schmidt-
Essen als Vertreter des Großkreisgedankens, und
Martin Mächler (dem Antragsteller) als Sach-
waller der Großsladl-Enlwicklung. Besonders
stark wurde in der Aussprache der Zusammen-
hang zwischen industrieller Umsiedlung, Garten-
stadtbewegung und Landesplanung hervorgehoben.

Das Problem der Arbeileriuohnung

erhält eine interessante grundsätzliche Beleuch-
tung durch einige Sätze des bekannten russischen
B. T.-Korrespondenten Paul Scheffer. Er hat die
Bauanlagen für den Dnjepr-Slaudamm besichtigt
und fand dort u. a. auch einen „sozusagen politi-
schen Typ" von Arbeiterhäusern, „der dem Ge-
meinschaf tsideal des Kommunismus vollen Tribut
bringt und im Innern des Hauses eine Halle hat
als gemeinschaftlichen Wohnraum und daran an-
grenzend die Schlafzimmer für jede Familie. Aber
dieser Raum ist tot oder dient nur allerlei Ver-
richtungen. Der Arbeiter will mit seiner Familie
für sich sein. Diese Häuser werden nicht mehr
gebaut." Ein Fiasko der kommunistischen Theorie?
Oder ein Mißverständnis dieser Theorie seitens
ihrer eigenen Vertreter? Schwer zu sagen.

Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes:

Professor Dr. Fritz Wiehert, Direktor der Staatl. Kunstschule Frank-
furt a. M.

Dr. Ins;. Kürt Ewald, Hannover-Waldhausen, Hcuerstr. /13
Dr. Alexander Schwab. Berlin W 57, Potsdamer Str. 93

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