Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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wagen einhergeht — alles ist aus dem Schatze einer mit
Beobachtung gesättigten Phantasie spielend hervorgezaubert.
Um das Bild rankt sich allerlei verschnörkelt Geschriebenes:
„Wie ist doch die Erde so schön (mit skurrilen Noten)! —
Es ritt ein Reiter zum Tore hinausI! AdeeeH! Wenn Sie
sich gelegentlich einmahl der Berliner erinnern, so denken
Sie nebenher auch an mich Endesunterschriebenen: der
Ihrige Menzel, Berlin, 20. April 1837".

Im selben Jahre hatte Menzel das bekannte Blatt des

Vater Unser gezeichnet. „Künstlers Erdenwallen" lag schon
um vier Jahre zurück. Er war bereits bekannt und jeden-
falls im Besitz ungewöhnlicher zeichnerischer Mittel. —
Unser Blatt läßt etwas wie einen ganz leisen Nachhall der
Dürerschen Randzeichnungen verspüren, die auf den kalli"
graphisch-ornamentalen Stil des jungen Menzel, wie seiner
deutschen Zeitgenossen, einen so starken Einfluß ausgeübt
haben. Im Technischen ist die Linkshändigkeit sehr wohl
zu bemerken. Doch genug der Worte 1

FÜNFZIG JAHRE FRANZÖSISCHER MALEREI, 1875—1925

AUSSTELLUNG IM MUSEE DES ARTS DECORATIFS IN PARIS

VON

KARL SCHEFFLER

m Musee des Arts Decoratifs hatte Paul Rosen-
berg eine Ausstellung organisiert, die den
Titel „Cinquante ans de Peinture Francaise,
1875 —1925" trug. Sie zerfiel in zwei Teile:
in eine Abteilung der bereits historisch ge-
wordenen Kunst und in eine Abteilung mo-
derner Malerei. Diese zweite Abteilung war,
um es gleich vorwegzunehmen, schwach. Das einzige Bild,
das wirklich fesselte, war ein Bild von Matisse, ein junges
Mädchen am Fenster. Auch dieses Werk ist mehr geist-
reich als stark, obwohl es einige Grundelemente der Ma-
lerei aufweist. In Arbeiten von Bonnard, Vuillard, Friesz,
Laprade, Manguin, Rouault, Roussel, Utrillo und Vlaminck
war manches Schöne; doch mußte es notwendig ver-
blassen, weil der Betrachter vorher in der Abteilung der
älteren Maler einen Maßstab empfangen hatte, dem die
Neueren unmöglich standhalten konnten.

Der Eindruck der retrospektiven Abteilung war hin-
reißend. Courbet, der immer mehr als der Meister aller
Meister des neunzehnten Jahrhunderts hervortritt, trium-
phierte auch hier, wie er es nicht weniger nachdrücklich
in dem großen Saal des Louvre tut, wo die französischen Maler
des neunzehnten Jahrhunderts versammelt sind. Die beiden
Bildnisse aus den sechziger Jahren von Courbet, die aus-
gestellt waren, haben eine so unbeschreiblich warme und
sinnliche Größe, daß sie dem Besten der alten Meister gleich-
wertig erscheinen. Sie haben das, was Goethe die „zu-
dringliche Kraft der Alten" nannte. Auffallend ist, wie eng
die „Dame mit dem Schirm" sich Corots Frauenbildnissen
anschließt. Ebenso bewunderungswürdig waren zwei Land-
schaften von Corot aus den Jahren 1860 und 1870. Die
„Route ä Saintry" zeigt einige kleine Figuren und eine
Kuh, Staffage wenn man will, so weich und körperhaft im
Raum, daß man an ein Wunder glauben möchte. Ein Akt
im Freien ist wie sinnlich, wie flüssig gewordener Ingres.
Von Daumier sah man den oft abgebildeten rembrandthaften
„Amateur d'estampes" einmal mit Augen und rechnete es
den großen Erlebnissen zu. Der überall ins Monumentale
strebende intellektuelle Impressionismus Edgar Degas' konnte
vor nicht weniger als sechs Bildern bewundert werden.
Sehr schön ist ein ernstes graues Selbstbildnis von 1855,

ein Damenbildnis von 1875 zeigte Degas deutlich zwischen
Ingres und Manet. Ein frühes Bildnis von Manet (1861) zeigte,
in wie hohem Grade dieser Meister auch von Corot be-
einflußt worden ist und wie mächtig gestaltend sein Pinsel-
strich bereits zu dieser Zeit war. Die „Jeanne" ist wie ein
Symbol des Frühlings. Daneben macht das Bild darauf auf-
merksam, wie sehr die großen Maler immer auch Darsteller
der Toilette, der Mode ihrer Zeit gewesen sind. Das „Haus
in Rueil" (1882) ist ein Pendant des Bildes in der National-
galerie. Es ist vielleicht noch frischer, herzhafter und
jubelnder. Neben einem solchen Bild versinken die meisten
Holländer. Ein Wunderwerk schöner Malerei ist auch das
Bild, das Frau Manet und Eugene Manet am Ufer des Meeres
darstellt (1874). Eine erstaunliche Organisation von Blau-
grün, Gelb und Grau! Das Bild hat den Charme eines Pa-
stells, den Reiz ostasiatischer Seidenmalerei und ist in seiner
Art eine Vollkommenheit. Von Claude Monet war eines
der seltenen großen Figurenbilder aus der Frühzeit zu sehen.
Es ist bisher nirgends abgebildet worden. Sehr kühn und
beherrscht, auch wahr, doch ohne die zitternde Empfindung
für Wahrheit, und etwas dekorativ — wie es so im Talent
Monets lag. Sonst war Monet nicht so gut dargestellt, wie
er es hätte sein können. Das Beste von ihm war eine An-
sicht von Vetheuil (1878). Monticelli war vertreten mit
einem großen mehr merkwürdigen als entflammenden Da-
menbildnis. Porträts solcher Art sind sehr selten. Mit acht
Bildern stand auch Renoir im Mittelpunkt der Ausstellung.
Ein Rosengarten, nur mittels der Farbe gegeben (1879), ist
unvergeßlich. Eine Badende (1903) ließ erkennen, wie
Renoirs Form unter all der blühenden Farbe und im Glanz
eines wahrhaft verliebten Lichtes, mächtig skulptural sein
konnte. Daneben brauchte man nur die Gewänder zur
Seite der Figur zu betrachten, um zu erkennen, daß Renoir
zu den größten Malern aller Zeiten gehört hat. Nicht
minder klassisch ist das junge Mädchen „La Pensee" ge-
nannt und das Bild „Im Theater". Das Leben scheint sich
in solchen Bildern selbst zu umarmen und zu küssen. Die
ganze berühmte englische Porträtkunst des achtzehnten Jahr-
hunderts versinkt tief neben Renoirs sozusagen animalischem
Idealismus. Bei Cezanne gesellt sich zum selbstherrlich
wirkenden Eindruck dann wieder ein auf „Gestaltung" aus-

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