Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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AUS DEM SCHWEIZERISCHEN MARIONETTENTHEATER IN ZÜRICH

MARIONETT E N

VON

F. T. GABLER

Tmmer wieder während der jahrhundertelangen
Geschichte des Theaters wurde in gewissen
Epochen der Marionette eine besondere Aufmerk-
samkeit zuteil. Und immer empfing sie die Liebe
des Volkes und nicht minder die bedeutender,
genialer Menschen. Sie birgt in sich jene ein-
fachen und wesentlichen Möglichkeiten künstle-
rischen Gestaltens, welche das Spiel im ursprüng-
lichen Sinne dem Menschen zu einem bereichern-
den Erlebnis werden lassen.

Die Marionette stellt eine holzgeschnitzte Figur
dar, deren Glieder durch Gleiche beweglich mit-
einander verbunden sind. Fäden oder Drähte
reichen von diesen Gliederteilen und von den

Gleichen hinauf zu einem Steg, an dem sie be-
festigt werden. Durch das Anziehen oder Los-
lassen der Fäden, die der Spieler am Steg in seiner
Hand zusammenfaßt, kann die Figur Bewegungen
und Gebärden wiedergeben. Diese einfache Ma-
schine, die recht simpel den verfeinerten Organis-
mus eines Menschen oder eines Tieres nachahmt,
mag zuerst als ein bedeutungsloses Ding erschei-
nen, dem weder viel Sinn noch Wert innewohnt.
Man versucht mit diesen Puppen zu tun, als wür-
den sie schreiten, ihre Arme bewegen, knien, nur
alles viel hilfloser als es dem Menschen und dem
Tier von Gott gegeben ist. Müßten nicht un-
zählbare, tausende und abertausende von Fäden re-

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