Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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DIE GRUNEWALD-ZEICHNUNGEN DER SAMMLUNG VON SAVIGNY

CURT GLASER

Unsere Vorstellung von der Kunst des Matthias Grüne-
wald wird so sehr beherrscht durch den Eindruck des
allein im ganzen Umfang erhaltenen Malwerks vom Isen-
heimer Altare, daß Name und Werk untrennbar miteinander
verbunden erscheinen. Denkt man an Dürer, so ersteht
die Reihe seiner Schöpfungen von der Jugend zum Alter
vor dem geistigen Auge. Denkt man an Grünewald, so
überschattet die Erinnerung an das eine mächtige Altar-
werk die an die kleine Reihe der übrigen erhaltenen Ge-
mälde. Die Vorstellung von der Kunst des Meisters bleibt
eingeengt, da das Schicksal seinen Werken nicht günstig
gewesen, die Mehrzahl von ihnen für immer verschwun-
den ist.

So wirkt ein Fund von Zeichnungen, die auf verlorene
Schöpfungen Grünewalds ein unerwartetes Licht werfen,
wie eine neue Offenbarung. Man empfindet es, wie wenig
noch man von dem Meister wußte, wenn tote Beschrei-
bungen des ersten Biographen Joachim Sandrart durch neue
Dokumente mit Leben erfüllt werden. Nicht weniger als
drei Altäre von der Hand des Grünewald haben im Dome
zu Mainz gestanden. Von dem einen berichtet Sandrart,
es sei auf ihm „unsere liebe Frau mit dem Christkindlein
in der Wolke" dargestellt, und „unten zur Erde warten
viele Heilige in sonderbarer Zierlichkeit auf, alle dermaßen
adelich, natürlich, holdselig und correct gezeichnet, auch
so wohl colorirt, daß sie mehr im Himmel als auf Erden zu
sein scheinen". Ist der Altar verloren, so besitzen wir nun
Zeichnungen der Maria und dreier jener holdselig gebilde-
ten heiligen Frauen. Sie fanden sich mit fünf anderen
Zeichnungen Grünewalds in einem Klebebande, der von
dem Frankfurter Rechtsgelehrren Savigny auf seine Nach-
kommen sich vererbt hatte, und sind bis auf zwei Blätter,
die ein Privatsammler in Ilaarlem erworben hat, nun in den

Besitz des Berliner Kupferstichkabinetts übergegangen, das
seither etwa die Hälfte aller bekannten Zeichnungen des
Meisters sein eigen nennt.

Sandrart hatte als junger Mensch in Frankfurt bei dem
Maler Philipp UfFenbach einen Band mit Handrissen des
Matthaeus von Aschaff'enburg bewundert. UfFenbach hatte
diesen kostbaren Band von seinem Lehrer Grimmer ererbt,
der selbst ein Schüler Grünewalds gewesen und die Zeich-
nungen von dessen Witwe erhalten hatte. Es scheint, daß
die Zeichnungen der Sammlung Savigny aus diesem Bande
stammen, aber es scheint, als seien sie auf manchen Um-
wegen erst und zu einer Zeit, als der Name Grünewalds in
völlige Vergessenheit geraten war, in jenen Klebeband ge-
raten, in dem sie unberühmt und unerkannt lagen, bis ein
merkwürdiger Zufall sie endlich nun ans Tageslicht förderte.

Erfährt die Anschauung von dem Werke Grünewalds
durch den bedeutenden Fund eine unschätzbare Bereicherung,
so wird die Vorstellung von seiner Zeichenkunst im be-
sonderen ergänzt und erweitert. Wie das spätgotische Ba-
rock zu einer malerischen Auflösung der Formen führte,
die den Stil des eigentlichen Barock vorauszuahnen scheint,
wurde noch niemals so offenbar wie angesichts dieser
Zeichnungen Grünewalds, angesichts eines Männeraktes,
der in seiner freien Strichführung der Art Rembrandts näher
als der Dürers verwandt scheint, oder jener heiligen Frauen
des Mainzer Marienaltares, deren bauschende Gewänder
gleichsam selbst aus Licht und Schatten gewoben sind.

Die ganze Reihe der Savigny-Zeichnungen ist in meister-
haften Lichtdruckwiedergaben in einer Mappe vereinigt, die
Max J. Friedlaender im Verlage G. Grote herausgegeben hat.
In dem Text ist alles Wissenswerte über die kostbaren Blätter
mitgeteilt und ihre Bedeutung für die Erkenntnis der Kunst
Cirünewalds eingehend gewürdigt.

HENRI ROUSSEAU

Tn der Galerie Flechtheim war die beste Rousseau-Aus-
Stellung, die in Berlin jemals gesehen worden ist. Es be-
stätigt sich, daß Rousseau eine wahrhaft naive Natur ge-
wesen ist, ein kindhaft empfindender Mensch, hinter dessen
spielerischem Schaffen die Fülle französischer Tradition stand,
der -mit vielen Fäden der Kunst seines Volkes verknüpft
ist, wenn er ihr andererseits auch so fern steht wie der
Dilettant dem Meister. Was vor allem in der Ausstellung
auffiel, wenn man über das Stoffliche, über die fibelhafte
Gegenständlichkeit hinausblickte, war die Vorherrschaft eines
natürlichen und doch wie ein Kulturprodukt anmutenden Ge-
schmacks. Er äußert sich in der Farbe, in der Komposition
und in der Zeichnung. Mit einer erstaunlichen Sicherheit
ist oft aus der unendlichen Fülle des Möglichen das schön
Klingende, das reizvoll Tönende gewählt. Obwohl die Bil-
der stilistisch einheitlich wirken, ist doch zu erkennen, wel-

che Formen aus der Natur genommen, welche mit Augen ge-
sehen und welche nur nach Erinnerungsbildern wiedergegeben
worden sind. Die gesehenen Formen haben immer einen
besonderen Nachdruck, eine eigene Wucht und Lebendigkeit;
die Begriffsformen dagegen sind oft nichtssagend, sie sind
schematisch dessinhaft. Die Naivität Rousseaus betätigte
sich in gleicher Weise vor der Natur wie vor den alten
Meisterwerken des Louvre, so daß Natur und Kunst zu den-
selben seltsamen kindlichen Gebilden einer geschmacklich
raffinierten Primitivität anregten. Nur war diese Naivität
in einem höheren Sinne nicht gestaltend. Es ist bezeich-
nend für die Produktion Rousseaus, daß sie nicht nachwirkt,
daß man sehr bald damit fertig ist und eigentlich nichts mit
wegnimmt, wenn man die Ausstellung verläßt. So mysteriös
die Urwälder und die „magischen" Menschen erscheinen: es
fehlt dieser Kunst an Geheimnis. Die Phantasie arbeitet zu
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