Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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ERNST BARLACH, DER WARTENDE. HOLZ. 1924

AUSGESTELLT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN. PHOTO PAUL CASSIRER

ERNST BARLACH

VON

KARL SCHEFFLER

Tn der ausgezeichneten Ausstellung der Holzbildwerke Ernst
Barlachs bei Paul Cassirer fällt es auf, daß der Künstler
in den letzten Jahren immer häufiger mit selbstbildnishaften
Zügen in seinen Skulpturen erscheint. Irgendwie erinnerten die
Männer, die Barlach dargestellt hat, die Wanderer, Sterndeuter,
Berserker, Einsamen, Wüstenprediger, Ekstatiker, Gefangenen,
Rächer usw., ja immer an die äußere Erscheinung des Künst-
lers; vor Holzbildwerken aber, wie der „Ruhe auf der Flucht"
(1924) oder dem „Beter" (1925), kann man unmittelbar von
Selbstbildnissen sprechen. Dieser Umstand ist nicht auf den
Mangel an Modellen im stillen Güstrow zurückzuführen und
nicht auf die Lust am eitlen Hervortreten; es wird darin viel-

mehr offenbar, wie sehr die ganze Kunst Barlachs von je eine
Selbstdarsrellung war, und daß sie es immer mehr wird, wie
sehr sich die plastische Gestaltung dieses Bildhauers lyrisch
dramatisch einem dichterisch bewegten Herzen entringt, und
wie sehr alle Werke in einem höheren Sinne Gelegenheits-
arbeiten sind, in dem Sinne nämlich, daß Barlach stets nur
dargestellt hat, was ihn betroffen gemacht, was ihn er-
schüttert, innerlich bewegt und nicht wieder losgelassen hat.
Alle diese Holzskulpturen sind Bekenntnisse, es sind ge-
wissermaßen Dichtungen über das Leben in einem harten,
widerspenstigen Material — melancholische Dichtungen, mit
einem Zug zum Monumentalen, erfüllt von einem Heroismus

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