Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

Page: 393
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1926/0420
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
NEUE FRANZÖSISCHE MALER IM LOUVRE

VON

CURT GLASER

Niemals hat ein Land eine große Epoche seiner
Kunst so achtlos dahingehen lassen, wie
Frankreich die Malerei der zweiten Hälfte des
neunzehnten Jahrhunderts. Es ist ohne Beispiel
in der Geschichte, wie wenig Spuren von dem
Schaffen bedeutender Meister an dem Orte ihrer
Wirksamkeit selbst geblieben sind. Noch Delacroix
wurden in Paris große Aufgaben gestellt, und
seine Hauptwerke sind im Louvre vereinigt. Aber
weder Courbet noch Manet, weder Renoir noch
Cezanne wurden mit staatlichen Aufträgen betraut,
und wenn allmählich eine Reihe ihrer Werke Ein-
gang in öffentliche Sammlungen fand, so geschah
es viel zu spät, um ihnen diejenige Vertretung zu
sichern, die ihrer Bedeutung entspräche.

Von Courbet allein haben die Pariser Museen
im Lauf der Zeit eine Reihe seiner hervorragend-
sten Schöpfungen zu erwerben vermocht. Das
berühmte „Atelier", das seit ein paar Jahren im
großen Saal des neunzehnten Jahrhunderts als
Gegenstück des „Begräbnisses von Omans" hängt,
war einer der glücklichsten neueren Ankäufe des
Louvre. Die wahrhaft überragende Meisterschaft
Courbets, der als letzter vielleicht die Kraft hatte,
eine Fläche von solchem Ausmaß malerisch zu
bewältigen, offenbart sich nirgends so stark wie
in dieser Komposition, die ebenso überzeugend in
ihrem rhythmischen und tonalen Zusammenhang
im ganzen wie bezaubernd in der Durchbildung
aller Einzelheiten ist.

Ist die Kunst Courbets im Louvre und im Petit
Palais, wo vor allem das herrliche Bild der De-
moiselles aux bords de la Seine hängt, ebenso
reichhaltig wie eindrucksvoll vertreten, so ver-
mögen schon von dem Schaffen Manets die Pariser
Museen keineswegs eine zureichende Vorstellung
zu vermitteln. Angefangen mit der Sammlung
Caillebotte, die jetzt endlich aus ihrer Gefangen-
schaft in einem Seitensaale des Luxembourg be-
freit ist, gelangte allmählich eine nicht geringe
Zahl von Werken der großen Impressionisten in
staatlichen Besitz. Aber noch fehlt ihnen der räum-
liche ebenso wie der innere Zusammenhang und
man spürt nicht den zielbewußten Willen zum

Aufbau einer großen repräsentativen Sammlung,
wie sie dem Louvre wohl anstehen würde. Denn
noch ist der Bestand ebenso lückenhaft wie zu-
fällig und über viele Abteilungen verstreut. Im
Musee des Arts decoratifs hängt die Sammlung
Moreau-Nelaton mit Manets Frühstück im Grase,
im obersten Stockwerk des Louvre die unver-
gleichliche Sammlung Camondo mit seinem Fifre
und der Lola de Valence. Seit kurzem ist im
großen Saale des neunzehnten Jahrhunderts, wo
seit Jahrzehnten als einziges Werk des Meisters
die Olympia hing, das Porträt Zolas eingereiht
worden, eine Stiftung der Witwe des Dichters,
deren eigenes, wundervolles Pastellbildnis in den
neu eingerichteten kleinen Sälen des neunzehnten
Jahrhunderts Platz gefunden hat. Das Zola-Porträt
ist eine der reichsten und vollkommensten Schöp-
fungen Manets. Selten hat der Meister ein Bild
mit so viel Liebe vollendet wie dieses. Er hat
auf dem Schreibtisch ein Bücherstilleben gemalt,
das selbst gleichsam ein Bild im Bilde ist, von
einer unerhörten farbigen Delikatesse, darüber an
der Wand einen Rahmen mit Bildern, einem japa-
nischen Farbendruck, einer Photographie der
Olympia, wieder ein Kabinettstück malerischer
Kultur. Auf der linken Seite des Bildes steht ein
farbiger Wandschirm. Und inmitten dieser Fülle,
die doch kein Zuviel bedeutet, erhebt sich be-
herrschend die Gestalt des Dichters, wundersam
leuchtend der edle, durchgeistigte Kopf Zolas, den
man aus Photographien wohl zu kennen meinte,
dessen Bedeutung aber erst hier, in der künst-
lerischen Formung eines Meisters faßbar wird.

Ist Manet heut an einigen Stellen des Louvre
doch schon mit hervorragenden Werken vertreten,
so bleibt, was man von seinen einstigen Genossen
außerhalb der Camondo-Sammlung in dem fran-
zösischen Staatsmuseum zu sehen bekommt, noch
einigermaßen gering und zufällig. Aus der Samm-
lung Gangnat wurde dem Louvre ein Brustbild der
Gabrielle von Renoir gestiftet, ein schönes, farben-
reiches Werk aus dem Jahre 1911. Ein früher
Renoir, eine Sommerlandschaft, gelangte zusammen
mit der Vue de St. L6 von Corot und einem an
loading ...