Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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DAS DÖRFCHEN SHRAVANA BEI.GOLA MIT TEMPELTEICH AM FUSSE DER CHANDRAG TRI-HOHE

AUS MEINEM OST AS I ATI SCH E N REISETAGEBUCH

VON

WILLIAM COHN
III: Fahrten durch das Hochland von Dekhan

Mysore, d. 10.12.1925
Vpin Telegramm des Vizekanzlers der Universität
-■-J Mysore lud uns nach Mysore ein, wo wir
Gäste des Maharaja sein sollten. Die Einladung
kam sehr gelegen. Denn im Gebiet dieses zweit-
größten halbselbständigen indischen Staates im
südlichen Dreieck des Hochlandes von Dekhan
lagen einige Tempelstätten, deren Besuch ein wich-
tiger Programmpunkt unserer Reise war. Von
Madras mit der Eisenbahn in etwa zehn Stunden
nach Bangalore. Hier gibt es zwar einen Palast
des Maharaja und eine große Pettah (indisches
Viertel), aber das Herz der Stadt ist doch das
europäische Kantonnement mit der englischen Gar-
nison, den Kirchen und Missionen, unendlich aus-
gedehnt und langweilig, wie alle derartige Anlagen.
Erst das sechs Stunden davon entfernte Mysore
bietet das Bild einer wirklichen indischen Resi-
denz, nicht so bunt und phantastisch wie etwa
Jaipur oder Udaipur in der Rajputana, aber reiz-
voll genug. Europäischer Einfluß hat auch hier
bereits recht verheerend gewirkt. Die meisten
Regierungsbauten sind in einem geistlosen protzi-

gen Mischstil errichtet: Barockfassaden mit mau-
rischen Bögen und Kuppeln oder Stufendächern
in südindischem Stil. Im Palast des Herrschers
gibt es einen Thronsaal, dessen mächtige bunt be-
malte südindische Pfeiler — in Eisen gegossen sind.
Der Maharaja scheint überhaupt durchaus europa-
begeistert zu sein. Die Räume sind mit Geschmack-
losigkeiten aus allen wesdichen Ländern überfüllt.
An den Wänden fadeste Olporträts seiner Ahnen
von irgendeinem mittelmäßigen englischen Maler
und Photographien europäischer Fürsten. Auch
ein Bildnis Kaiser Wilhelm II. in Kürassieruniform
mit eigenhändiger Unterschrift fehlt nicht. Doch
man sieht gerne über alles dies hinweg angesichts
der reizenden Lage der Stadt am Fuße einer ge-
waltigen Granitkuppe, angesichts der herrlichen
in vollem Blütenschmuck prangenden Gärten, in
denen die Paläste liegen, und der sauberen, freund-
lichen Straßen mit ihren schlichten Verkaufsstätten,
in denen fein ziselierte Silber- und Goldschmiede-
arbeiten feilgeboten werden, mit ihren offenen
Werkstätten, die sich seit Jahrhunderten nur wenig
verändert haben.

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