Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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MAGNUS

LEBENSLAUF EINES EXPRESSIONISTEN

VON

RUDOLF GROSSMANN

Magnus hat, als er sein Talent
entdeckte, in einer Heilanstalt ge-
lebt, unartikulierend schreiend oder
in embryonalem Zustande verdäm-
mernd. Die Ärzte haben ihn, da sie
ihn nicht verstanden, als geheilt ent-
lassen. Die in der Anstalt gemalten
Bilder beabsichtigt er in einer um-
fassenden Ausstellung der Öffentlich-
keit zu zeigen. Um Irrtümern vor-

zubeugen, bestellt er selbst die nam-
haftesten Kritiker in die Ausstellung.
Er empfangt sie in Knickerbockers,
Zylinder und mit Trainingball.

Als sie eintreten, schmettert er ihnen
im Kommandoton ein völlig neues Pro-
gramm entgegen; er stellt die Kunst
über das Weib, springt in die Politik,
gibt völlig Staatsgefährliches von sich
und bekennt sich zur Kunst der Irren.

Die ersten beiden Kritiker weisen
nach, daß Magnus leider zu spät ge-
kommen sei, daß die Zeit ihn, wäh-
rend er in der Anstalt saß, überholt
hätte.

Ein dritter findet alles höchst neu und
bedeutend, findet es aber als Redak-
teur einer Zeitschrift für Anspruchs-
volle an der Zeit, das Bedeutende grund-
sätzlich abzulehnen.

Fragment aus „Magnum bonum", das
als Lithographienfolge im Pontos-Verlag er-
scheint.

Ein vierter sagt, die Sinnlichkeit
der Optik, die der Maler auf seiner
Netzhaut zu spiegeln vorgebe, sei längst
sublimiert in einer neuen Art von
sinnlicher Geistigkeit vorhanden. Er
empfiehlt sein neuestes Werk: „Ver-
nichtung der bildenden Kunst durch
produktive Kritik".

Ein fünfter Kritiker zeigt, daß und
warum es der Kritik allein vorbehalten
geblieben sei, diesen Dolchstoß zu
führen.

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