Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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JULIUS SCHNORR VON CAROLSFELD, ABSCHIED. STUDIE ZU DEN FRESKEN DER VILLA MASSIMI. ZEICHNUNG

OVERBECK UND SEIN KREIS

AUSSTELLUNG IM BEHN-IIAUS ZU LÜBECK

VON

FRIEDRICH AHLERS-HESTERM ANN

T~\ie etwa vorgefaßte Meinung, diese Ausstellung sei nur
-^-^ eine Sache vergangenheitskramender Wissenschaftlich-
keit, fällt, wenn man sie eindringlich betrachtet hat, und
es ließe sich auch theoretisch der Zusammenhang mit den
Gegenwartsströmungen, soweit das Formale in Betracht
kommt, leicht nachweisen: die Leute der „neuen Sachlich-
keit" rinden hier zum Teil ihre Ahnen. Aber die Schönheit
aufzuspüren, welche uns Heutigen berührt, dazu bedarf es
gelassener Hingabe und freundwilliger Versenkung. Denn
die Kunst des Lübecker Patriziersohnes Friedrich Overbeck,
der 1810 mit einigen Gesinnungsgenossen in einem verlasse-
nen Kloster zu Rom die Lukasbrüderschaft zur Erneuerung
der religiösen Malerei gründete, diese Kunst ist durch einen
Schleier von uns getrennt, der durchwoben ist von dem,

was das neunzehnte Jahrhundert uns gebracht hat, von den
Silbernebeln Corots bis zu den Feuersäulen van Goghs, von
den dunkelmächtigen Hesperidenhainen des Marees bis zu
Renoirs leuchtender Fülle, durchwoben auch von dichten,
zähen Vorurteilen: diese Malerei sei starr und bunt, tot und
trocken.

Lösen sich vor unserm Blick in der reichhaltigen (von
Dr. Carl Georg Heise mit großer Liebe zusammengebrachten)
Ausstellung erst ein wenig die Konturen der Persönlichkeit
Overbecks aus der Menge der Gleichstrebenden los, so spü-
ren wir alsbald den Anhauch einer schlichten, etwas weib-
lich-zarten, durch Gefühlsinnigkeit und Wahrhaftigkeit wär-
menden Größe, bewirkt durch die vorbildliche Einheit von
Leben und Werk, spüren ihn zunächst in den Zeichnungen

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