Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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LOVIS CORINTH, MUTTER UND KIND. 1906

AUSGESTELLT IM KUNSTSALON G. GERSTENEERGER, CHEMNITZ

MODE

VON

MARLIGE HINZ

]T\en größten Einfluß auf die Gestaltung der Mode unserer
-*-^Zeit haben Sport und Gymnastik ausgeübt. Von der Sport-
kleidung aus sind charakteristische Einzelheiten der heutigen
Mode, das abgeschnittene Haar, das entfesselte Bein und
die Reduktion der Bekleidung auf ein Minimum, erst zu ver-
stehen. Die Freude an der Bewegung, das Ende einer Epoche
der Unbeweglichkeit, erstarrten Pompes und leerer Deko-
ration, hat hier einen sympathischen Ausdruck gefunden.
Die Sportkleidung verkörpert im übrigen dem Großstadtmen-
schen besonders eigene Bedürfnisse.

Die Mode, jeder Anregung zugänglich, hat sich dieser
Ausdrucksformen des Sports bemächtigt und hat vor allem
die der Sportkleidung eigentümlichen Freiheiten übernom-
men, nicht um sie weiterzuentwickeln, sondern um durch
sie eine Bewegung der Emanzipation von der überlieferten
äußeren Erscheinung einzuleiten. Mechanisierungsbestrebun-
gen, die auch auf dem Gebiete der Mode deutlich zum Aus-
druck kommen, mit der Absicht der Uniformierung und Typi-
sierung und dem Versuch, besonders charakteristisch erschei-
nende Formen zu allgemein gültigen zu machen, haben die
neue Richtung sehr wesentlich unterstützt. Wie früher das

bloß schöne Gesicht eine Selbstherrschaft der Gesamt-
erscheinung gegenüber ausübte, so üben heute andere Einzel-
teile eine Herrschaft aus, die notwendig zur Reaktion führen
muß und wiederum zum Sieg der Proportion und der Har-
monie des Ganzen. Noch aber ist die neugewonnene Frei-
heit allzu berauschend und versucht die ganze Aufmerksam-
keit auf sich zu lenken, noch versucht das Einzelne mit In-
dividualität, Geist und Witz im Ensemble eine eigene Rolle
zu spielen.

Schon aber zeigt sich in kommenden Modellen ein neues
verändertes Gesicht. Da sind wieder Schleifen und Bänder,
Pailletten und Stickereien, Schals, Spitzen und Fransen, lange
und weite Glockenröcke, hohe Kragen, kompliziertere Frisuren
und große Hüte; Streifen, Ornamente, Blumen und Guirlan-
den, kurzum der ewige Bestand des Bazars der Moden.
Wiederum bleibt gerade auf dem Gebiete der Mode nur
die Möglichkeit von Feststellungen. Kein Standpunkt, kein
Zwang, keine Fessel sind durchführbar. Der Reiz unend-
licher Abwechslung, ewiger Erneuerung und voraussetzungs-
loser Naivität sind hier die wirksamen Kräfte, Methode und
ewig gültiges Gesetz.

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