Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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DIE SAMMLUNG FRANCISCO LLOBET
IN BUENOS AIRES

VON

ERNST KUHNEL

Qo überraschend die kulturellen Fortschritte sind,
^ die die argentinische Hauptstadt auf verschie-
denen Gebieten in den letzten Jahrzehnten ver-
wirklicht hat, als Kunstzentrum wird sie vorerst
doch nur mit starker Einschränkung genannt wer-
den können. Das Prunkbedürfnis dieser schnell
zu Reichtum gelangten Metropole ist noch nicht
genügend ästhetisch temperiert, um sich mit zeit-
gemäßen Forderungen im Rahmen moderner Ent-
wicklung zu betätigen, und vor allem fehlt es an
einer sachlichen und berufenen Kritik, die von
höherer Warte aus zielbewußt die vagen Kunst-
instinkte der Besitzenden so leitet, daß sie sich als
positive Kulturfaktoren auswirken.

Von staatlicher Seite geschieht in dieser Hin-
sicht so gut wie nichts, und es ist das besondere
Verdienst einiger Kunstfreunde, wenigstens in einer
bestimmten Richtung den Weg bereitet und das

Geschmacksniveau gehoben zu haben. Die Be-
sichtigung ihrer Sammlungen wird zur wahren
Labsal inmitten einer Odenei von luxuriösem Tand
und aufdringlichem Prunk und entschädigt bis zu
einem gewissen Grade für den Mangel an größerem
öffentlichen Kunstbesitz. Sie vermag sogar einen
äußerst eindrucksvollen und ziemlich lückenlosen
Blick über ein Sondergebiet zu geben, das von den
argentinischen Mäzenen in erster Linie gepflegt
wurde: über die französische Malerei des neun-
zehnten Jahrhunderts.

So hat einer der bekanntesten Arzte von Buenos
Aires, Dr. Francisco Llobet, etwa hundert Gemälde,
hauptsächlich aus Beständen der Galerie Georges Petit,
zusammengebracht, unter denen dem Besucher
manche alten Bekannten begegnen, die ihm als
verschollen galten. Die Sammlung war im Sommer
1924 im Salon der „Sociedad de Amigos del Arte"

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