Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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in Aufbau und Komposition in manchen Punkten
so ähnlich ist, anlegt. Erst wenn man seine Phan-
tasie zwingt, sich das Bild an der Stelle vorzu-
stellen, für die es gedacht war, hoch und fern in
seinem schimmernden Marmorsaal, mit dem Archi-
tekturaufbau, mit der Treppe und dem halbdurch-
leuchteten Dunkel der grünen Nacht in den Baum-
wipfeln, wird die magische Kraft und die einfache
Größe, die in ihm lebt, wirksam. Es wäre eines
der gewaltigsten Werke des Genius geworden.
Heute ist es ein erschütterndes Dokument, er-
schütternd nicht nur wegen des Einäugigen, der
einen so schrecklich anstarrt, so wie auf dem Bilde
von Saul und David im Haag der alte König ein-

äugig blickt, und wegen all der anderen gespensti-
schen Menschlichkeiten um ihn herum, sondern
erschütternd auch deshalb, weil es uns sagt, daß
es Rembrandt, tragisch bestimmt, nicht vergönnt
war, die malerische Monumentalität, die in ihm
lag, in monumentaler Gestalt zum Ausdruck zu
bringen. Hätte er das Bild in der geplanten Form
gemalt und wäre es ein Vierteljahrtausend hindurch
an der Stelle gewesen, für die es gedacht war —
die Wandmalerei der letzten Jahrhunderte sähe an-
ders aus. Uber der Wandmalerei im Norden
schwebt ein Unstern. Ob Rethel, ob Marees, ob
Chasseriau — das letzte Wort wurde nicht ge-
sprochen. Schon bei Rembrandt nicht.

EIN REBUS VON ADOLF MENZEL

In den siebziger Jahren erlebten wir in unserm Künstlerkreis
schöne Zeiten. Ein besonders feines Empfinden dafür,
Freunde, die einander verstanden, einzuladen, hatten Gustav
Richter und seine Frau. Die hier veröffentlichte Zeichnung
von Menzel ist während eines Gesellschaftsabends bei Richter
im Gartensaal des Hauses Bellevuestraße 5 entstanden. Richter
war von Livadia zurückgekehrt, wo er das junge Kaiserpaar
gemalt hatte. Er erzählte viel von dem Land und vom Ver-
kehr in der kaiserlichen Familie. Menzel jedoch hatte wenig

Interesse für das russische Hof leben; er nahm ein Blatt Papier
und begann zu zeichnen. Alle sahen bald zu, doch wußte keiner
den Rebus zu deuten. „Wer's rät, der hat's", sagte Menzel.
Albert Hertel fand die Lösung endlich: „Der Mensch macht
sich Stockknöpfe und Götter aus Elfenbein." Die Zeichnung
ist ganz ohne äußeren Anlaß, rein als Einfall entstanden.
Menzel wollte nur einen Scherz machen und gab die Zeich-
nung lachend meinem Mann.

Clara Hertel.

ADOLF MENZEL, REBUSZEICHNUNG

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