Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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PAUL CEZANNE, STUDIE, ZEICHNUNG

AUSGESTELLT BEI BERKHEIM JEUNE, PARIS

DIE CEZANNE-AUSSTELLUNG BEI BERNHEIM JEUNE

MARIE DORMOY
DEUTSCH VON MARGARETE MAUTHNER

Mehr denn je erregt Cezanne die öffentliche Meinung;
jetzt sind es nicht mehr die Künstler und die gut
unterrichteten Liebhaber, die ihm zuströmen, die Bewegung
greift auf das große Publikum über. Und das ist auch die
Erklärung für den sensationellen Erfolg der von Bernheim
jeune zugunsten eines Cezanne-Denkmals veranstalteten
Ausstellung.

Nicht zum erstenmal beherbergen diese Räume eine große
Ausstellung des Meisters. Im Juni 1907 hatte Bernheim am
Boulevard des Capucines achtzig Aquarelle zusammengebracht,
die wie ein Wunder an Frische und Durchsichtigkeit wirkten.
Dem Veranstalter aber war damals noch dies Unternehmen
fast als eine heldenmütige Tat anzurechnen. Im Januar 1914
vereinigten sie in denselben Räumen etwa dreißig Bilder
von einer Qualität, die man als die klassische des Meisters
bezeichnen darf. Nach dem Kriege, im Jahre 1920, machten
sie in der Rue Richepanse eine Kollektivausstellung, deren
Ertrag, wie auch bei der diesjährigen, der Errichtung eines
Denkmals für Cezanne zugute kommen sollte.

Das Verdienstliche der jetzigen Veranstaltung liegt darin,
daß sie eine neue Offenbarung des Lebenswerks Cezannes
bietet, daß sie einem gut unterrichteten, aber noch nicht
ganz verständnisvollen Publikum wieder einmal einen Ein-
blick in das imposante Lebenswerk gewährt.

Sei es, weil man auch unbekannte Werke zeigen wollte,
sei es, daß man damit ein bestimmtes Programm im Auge
hatte, jedenfalls sehen wir in dieser Ausstellung nur wenige
völlig farbige Bilder, aber wir sehen Bilder, die vielleicht
einen noch größeren Zauber ausüben. Es sind meisterhafte
Skizzen darunter, Versuche, Experimente; man meint, in die
intimste Umgebung des großen Meisters einzudringen und
einige der von ihm so sorgsam bewahrten Geheimnisse zu
belauschen.

Unter den ältesten Bildern bemerken wir eine kleine,
etwa 1860 entstandene Studie, die eine Atelierecke mit einem
eisernen Ofen darstellt, der sich von einer umgedrehten Lein-
wand abhebt. Diese Studie ist sehr von den alren Meistern
beeinflußt und hat gewisse Pinselstriche und einen Schmelz,
den man getrost Corot zuschreiben könnte. Sie gehörte zu
der Sammlung Emile Zola.

Ebenfalls aus dem Jahre 1860 stammt eine dunkle Land-
schaft, die schon sehr konzentriert, aber noch nicht wirk-
lich komponiert ist. Aus dem Jahre 1870 finden wir das
erstaunliche Stilleben in Schwarz und Weiß, das in seinem
leuchtenden Ton und seinem kühnen Auftrag an die große
Technik Goyas gemahnt und deutlich den Einfluß von Velas-
quez verrät. Dann kommen die wundervolle Brücke, eine
Studie in einem Graugrün von erstaunlicher Tiefe, das Por-

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