Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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DOLCHKNAUF. CH'IN-DYNASTIE (?) GOLD. HOHE 6 cm

BESITZER.: G. EUMORFOPOUT.OS, LONDON

AUSSTELLUNGEN CHINESISCHER KUNST

PARIS — AMSTERDAM — BERLIN

VON

CURT GLASER

T n Dingen der Kunst sind Liebhaber und Sammler oftmals
* die Schrittmacher der Wissenschaft gewesen. Auf der
Suche nach neuen Schätzen häuften sie ungekanntes Material,
das sie dem Historiker zur Bearbeitung boten, halfen so,
Gebiete zu erschließen, deren Bedeutung für die geschicht-
lichen Zusammenhänge erst langwierige Untersuchungen
offenbar machten. So weitete sich dank den Bemühungen
von Händlern und Sammlern im Laufe der letzten Jahre
unsere Kenntnis frühchinesischer Kunst in einem erstaun-
lichen Maße, überraschende Dinge kamen ans Licht, und
wenn auch ihre kunsthistorische Bearbeitung nicht mit dem
Tempo ihres Erscheinens Schritt zu halten vermag, so öffnen
sich doch bereits Ausblicke auf weite Strecken bisher un-
erforschten Gebietes, und man nimmt Unsicherheit der
Bestimmung in den Kauf, wenn nur zunächst die Schätze
selbst geborgen werden, deren volle Bedeutung zu er-
schließen Aufgabe der langsam nachfolgenden Forschung
sein wird.

Wie vor fünfzig Jahren Pariser Sammler Japan ent-
deckt haben, so steht jetzt Alt-China im Brennpunkt des
Interesses wiederum Pariser Kunstliebhaberkreise. Findige
Händler sind an der Arbeit, dieses Interesse zu fördern, ihm
neue Nahrung zuzuführen, und wenn der Boden, auf dem
man sich bewegt, noch unsicher und schlüpfrig ist, so ist
das nur ein Anreiz mehr für den ehrgeizigen Sammler, der
sich auf nichts als die Sicherheit seines Auges angewiesen
sieht. Das Pendel der Zeitbestimmung schwingt angesichts

manches Objekts noch leicht um ein paar hundert Jahre
nach der einen oder anderen Seite. Wissenschaftliche Grund-
lagen gesicherter Fundumstände fehlen so gut wie ganz,
da fast alle Gegenstände wilden Grabungen entstammen,
und die glücklichen Finder allen Anlaß haben, den Ort der
Herkunft zu verschleiern. Dem archäologisch geschulten
Gelehrten ist dieses ganze Unwesen ein Greuel. Er hüllt
sich in den Mantel ungläubiger Skepsis. Aber mittlerweile
sammelt sich auf Grund eines im einzelnen gewiß oft
zweifelhaften, gelegentlich mehr noch: rätselhaften Materials
eine Art empirischen Wissens, das nicht verächtlich erscheint,
und mit dem auch der wissenschaftlich denkende Gelehrte
zu rechnen hat, so lange er nicht in der Lage ist, es mit
sicheren Argumenten zu widerlegen oder zu korrigieren.

Im Frühjahr hat in Paris eine Ausstellung stattgefunden,
in der vieles zusammengetragen war, was Händlern und
Sammlern im Laufe der letzten Jahre an Merkwürdigkeiten
altchinesischer Kunst zu erwerben gelungen war. Es gab
auch eine japanische Abteilung in dieser Ausstellung und
eine vorzüglich beschickte Abteilung persischer Kunst. Aber
beide wurden weit übertroffen von der in vielen übervollen
Vitrinen ausgebreiteten Schau altchinesischer Kunst mit
ihren hunderten von Objekten, von den feierlichen Sakral-
bronzen der ältesten historischen Epochen bis zu den raffi-
nierten Luxusgerät der Tangzeit.

Die älteste Bronzekunst Chinas ist vergleichsweise gut
bekannt, wenn auch über die Datierung einzelner Stücke

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