Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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MAX TAUT, VERBANDSHAUS DER DEUTSCHEN BUCHDRUCKER IN BERLIN. VORDERFRONT

MODERNE BAUKUNST UND WOHNKULTUR

VON

WOLFGANG HERRMANN

X |eue Konstrukrionsmöglichkeiten, ein neues Material und
^ eine neue Ästhetik haben die moderne Baukunst von
Grund aus umgewandelt. Wichtiger aber als die neuartige
Erscheinung — der Fortfall des Ornaments, die flachen
Dächer, die geraden Gesimse, die klare Sprache der Pro-
portionen, die dünnen Mauern, die langgezogenen Fenster —,
wichtiger als alles dies ist die Erkenntnis, daß eine jede
Form vom Nutzwert, der Funktion des Hauses seinen Aus-
gang nehmen muß, daß der ästhetischen Wirkung zuliebe
nichts hinzugetan werden darf. Ein Vor und ein Zurück,
ein Hoch und ein Tief, Symmetrie und Asymmetrie haben
nur dann Berechtigung, wenn der Zweck, den der Bau zu

erfüllen hat, es erfordert. Keine Form darf nur der ästhe-
tischen Wirkung zuliebe hinzugefügt, aber ebenso auch keine
einer abstrakten Norm wegen abgelehnt werden. Die mo-
derne Baukunst kennt den Begriff der Fassade nicht. Das
künstlerische Schaffen wird dadurch unangetastet gelassen.
Eine bestimmte Funktion kann auf viele Arten gelöst wer-
den. Die künstlerisch Beste herauszufinden, ist die schöpfe-
rische Tat des Architekten. Noch ist dies nicht durchweg
erfüllt, noch lebt die alte Idee, äußerlicher Wirkung wegen
das Haus umzugestalten, fort — auch bei sonst ganz modern
wirkenden Bauten, das Chilehaus in Hamburg ist ein Bei-
spiel dafür. Aber immer stärker setzt sich die Überzeugung

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