Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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PAUL CASSIRERf

VON

KARL SCHEFFLER

CJucht man mit einem Wort auszudrücken, was
^ Paul Cassirer für das deutsche Kunstleben be-
deutet hat, so kann man sagen, daß er einen neuen
Typ des Kunsthändlers geschaffen hat. Es gab vor
ihm unter den deutschen Kunsthändlern schon
passionierte Liebhaber und es gab Originale, doch
gab es noch nicht den Händler, der seinen Beruf
mit diesem praktischen Idealismus und wie eine
geistige Aufgabe aufgefaßt hätte, der an die Kunst
so erfüllt von hohem Pflichtgefühl herangetreten
wäre, der als Kaufmann ein so leidenschaftlicher
Kämpfer für das Echte gewesen wäre. In Paris
hatte Durand-Ruel diesen neuen Typ des Kunst-
händlers, wenn auch mit ganz anderem Tempera-
ment, vorgelebt und gezeigt, was der Handel der
Kunst und dem Künstler bedeuten, welche Mission
er haben, wie produktiv er dem, was sich zwangs-
läufig entwickeln will, voraufgehen kann. In

Deutschland war am Ende des neunzehnten Jahr-
hunderts eine Erscheinung wie Paul Cassirer neu;
er hat sich seine Tätigkeit und die Form dafür
selbst schaffen müssen. Er war von der Natur
selbst zu seiner Arbeit bestimmt. Nicht nur äußer-
lich und praktisch, sondern in jeder Weise gehört
er zu Männern wie Lichtwark, Tschudi oder Meier-
Graefe. Daß er „nur" als Kunsthändler dazugehörte,
daß die Öffentlichkeit dem Kaufmann seinen reinen
Enthusiasmus beargwöhnte, daß die materiellen
Erfolge nicht als Konsequenz der richtigen Ein-
stellung zur Kunst genommen, sondern einer be-
sonderen Pfiffigkeit für die Konjunktur zugeschrie-
ben wurden: das war ihm dauernd ein Stachel.
Insofern war er den Weggenossen gegenüber im
Nachteil. Die Wahrheit ist, daß er den berühmt
gewordenen Kunstsalon in der Viktoriastraße im
Verein mit seinem Vetter Bruno Cassirer nicht

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