Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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WILHELM VON BODE

ZUM ACHTZIGSTEN GEBURTSTAGE
VON

GUSTAV GLÜCK

Große Menschen werden von der Mitwelt nur
höchst selten eben in ihrer Größe erkannt
und anerkannt. Ist schon die Welt nach Leopar-
dis Meinung „ein Bündnis von Gaunern gegen die
Rechtschaffenen, von Gemeinen gegen die Edlen",
so ist sie vielleicht mit noch größerem Recht als
ein Bündnis der Unbedeutenden gegen die Her-
vorragenden, der Mittelmäßigen gegen die Großen
zu betrachten. Für nichts hat sie weniger Ver-
ständnis als für wahre Größe, ja nichts ist ihr mehr
verhaßt, als diese, die von ihr mit erbärmlicher
Mißgunst, mit giftigstem Neide verfolgt wird. Die
Mittelmäßigkeit sieht in der Größe nur die Fehler,
die sie mit ihr gemein hat, nicht die Vorzüge, die
sie nicht zu fassen vermag.

Solche düstere Betrachtungen mögen als An-
fang eines Festartikels nicht recht passend erschei-
nen. Sind sie aber nicht dennoch berechtigt als
ein dunkler Grund, von dem sich die Gestalt
eines Helden leuchtend abhebt? Und als ein Held

muß in der Tat der Mann gelten, der mehr als
ein halbes Jahrhundert im Dienste der Allgemein-
heit steht und achtzig Jahre alt geworden ist, un-
gebeugt von den ungeheuren Mühen einer kaum
übersehbaren Tätigkeit, deren Grundzug ein Ge-
meinsinn ist, für den die Worte Uneigennützigkeit,
Selbstlosigkeit, Aufopferung fast zu gering erschei-
nen, unbeirrt von den lästigen Hindernissen und
Hemmungen, die jedem großzügigen Unternehmen
von der knöchernen Bureaukratie bereitet werden,
welche über Monarchien und Republiken heute
gleichmäßig herrscht, unbeirrt auch von den oft
höchst leichtfertigen Angriffen, die in Zeitschriften
und Zeitungen von ahnungslosen Laien, von bissi-
gen Skribenten, ja selbst von engeren Fachkolle-
gen gegen jeden gerichtet werden, der Großes
schaffen will und schafft, ungebeugt endlich von
der Last des Alters, das bei den meisten Menschen
eine Schwächung, selbst eine Vernichtung aller Tat-
kraft mit sich bringt.

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