Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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ADOLF MENZEL, FEDERZEICHNUNG. 1837

EINE NEUE MENZELZEICHNUNG

VON

GUSTAV PAULI

Je Federzeichnung, die wir hiermit veröffent-
lichen, wurde für das Stammbuch des Ver-
lagsbuchhändlers Reimarus gezeichnet, mit
dem Menzel in seinen jungen Jahren be-
freundet war. Alexander Carl Johann Rei-
marus wurde am 22. Februar 1814 in Ber-
lin geboren, war also ein Altersgenosse Menzels. Als vier-
zehnjähriger Knabe kam er zu dem Buchhändler Gustav Kühne
in Neuruppin in die Lehre, wo er mit Theodor Fontane be-
kannt wurde. Im Frühjahr 1834 trat er als Gehilfe in die
Gropiussche Buchhandlung in Berlin ein und arbeitete dort
drei Jahre, während derer er mit Menzel bekannt wurde. Im
Mai 1837 siedelte er für weitere drei Jahre praktischer Tätig-
keit nach Prag über. Nach Berlin zurückgekehrt, übernahm
er das Sortiment von George Gropius und gründete nach
dessen Tode 1842 einen eigenen Verlag, in dem u. a. die
erste Gedichtsammlung Fontanes und die Lieder von Robert
Reinick erschienen. Das Geschäft gedieh und wurde 1849

'Anmerkung; Die biographischen Notizen entstammen einem von
dem Genealogen Herrn Wilhelm Albers verfaßten Lebensabriß des Carl
Reimarus, der als Privatdruck für die Familie erschienen ist. Bei dieser
Gelegenheit wurde auch die Menzelzeichnung reproduziert ohne indessen
der Öffentlichkeit bekannt zu werden.

um eine Filiale in Potsdam erweitert. Allein bereits am
2. September desselben Jahres verstarb der junge Buchhändler
an der neuen Stätte seiner Wirksamkeit.*

Die Zeichnung Menzels bezieht sich also auf die Abreise
des Freundes nach Prag. Unbeschwert von sentimentalen
Anwandlungen ruft Menzel dem Scheidenden sein Lebewohl
zu in einer Travestie des Liedes von den drei Reitern, die
zum Tore hinauszogen — eines Liedes, das die roman-
tischen Illustratoren jener Zeit zu freundlich sanften Feder-
spielen begeisterte.

Der Herr Buchhändler hat es sehr eilig, sein Roß viel-
leicht noch mehr, das ihn im Galopp wie ein Paket durchs
niedrige Tor ins Freie befördert. Kein Feinsliebchen winkt
am Fenster, vielmehr bemüht sich die Torwache ins Ge-
wehr zu treten. — Die Zeichnung ist von der allerbesten
Sorte des jungen Menzel. Die flüchtigen Striche sind mit
Ausdruck geladen, frei von jedem leeren Gekritzel. Der
Galopp des Wallachs — die bedrängte Haltung des Reiters-
manns, dem man hinter dem ungeheuren Mantelsack an-
sieht, wie er sich in die Zügel klammert — die Bewegungen
des Wachthabenden und seiner Mannschaft — der Bauer,
der peitschenknallend im Hintergrund neben seinem Heu-

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