Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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DAMPFER „ALBERT BALLIN", PROMENADENDECK I. KLASSE

CHRONIK

ntikenschätze der Eremitage in Pe-
tersburg sollen, wie verlautet, in einer
mehrbändigen großenVeröffentlichung von
einem deutschenVerlage publiziert werden.
Der unvergleichliche Besitz der ehemals
kaiserlichen Sammlungen entstammt in der
Hauptsache Ausgrabungen aus dem Gebiete der griechischen
Kolonien an den Küsten des Schwarzen Meeres, den sagen-
haften Goldländern des Altertums, die das Ziel des Argonauten-
zuges gewesen sind. Edelste Erzeugnisse rein griechischen
Kunsthandwerks der besten Epochen mischen sich in den Fun-
den mit den charaktervollen Schöpfungen der eingeborenen
oder durch Wanderung nach Südrußland vorgedrungenen
Stämme, vor allem der Skythen, von deren Kultur erst in neue-
rer Zeit eine greif bareVorstellung gewonnen wurde. Eine Aus-
stellung gelegentlich der Zweihundertjahrfeier der Moskauer
Akademie soll übrigens die Ergebnisse der jüngsten Forschung
auf diesem Gebiete weiteren Kreisen zugänglich machen.

Castiglioni verkauft. Eine Zeitlang wurde demen-
tiert. Aber ein Naturprozeß läßt sich nicht aufhalten. Mit
der Deflation verschwinden die Inflationserscheinungen.
Im Bereiche des Kunstmarktes war Castiglionis Sammlung
das letzte sichtbare Symbol einer vergangenen Epoche.
Zu Unrecht wehrt man sich in Wien gegen die Abwande-

rung eines Besitzes, den eine kaum gesund zu nennende
Wertverschiebung erst im Laufe der jüngstverflossenen
Jahre in das Land getragen hat. Allein auf die eigent-
lichen Viennensia sowie die großen Gemälde Tiepolos, die
Castiglioni mit dem Palais Millers von Aichholz über-
nommen hat, besteht ein historisch begründeter Anspruch
der Stadt Wien. Sie sollen von dem Verkauf ausgeschlossen
bleiben. Für den Rest gilt das Wort: wie gewonnen, so
zerronnen. Das Verhältnis von Geld und Sachwert hat sich
wieder einmal gewandelt, wie der Fall Stinnes lehrt. Das
Geld ist der Stärkere, die Sachwerte müssen versuchen,
den Rückverwandlungsprozeß durchzumachen, eine heut
nicht leichte Probe für einen Kunstbesitz von dem Ausmaß
der Sammlung Castiglioni. Man darf auf die Auktion, die
bei Fred. Muller in Amsterdam stattfinden soll, gespannt sein.

Die holländische Vereinigung von Freunden
asiatischer Kunst veranstaltet vom 13. September bis
zum 18. Oktober eine Ausstellung chinesischer Kunst im
städtischen Museum zu Amsterdam. Die bedeutendsten eng-
lischen Privatsammlungen werden durch Leihgaben vertreten
sein, wie Eumorfopoulos, Oppenheim, Raphael, Rutherston,
Schiller, ferner die bekannte Sammlung Stoclet in Brüssel,
sowie Koechlin und Sauphar, Paris. Auch der Louvre, das
Musee Cernuschi, sowie die Ostasiatische Kunstabteilung

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