Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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indischen Ursprünge unangetastet. Denn der Typus
des unbeweglich Verharrenden ist ebenso Schöpfung
indischen Geistes, wie in der Form seiner Dar-
stellung alle Spuren hellenistischer Bildung ausge-
tilgt worden sind, sofern sie einmal über eine
provinzielle Sonderart hinaus Geltung erlangt
hatten.

So wenig die Rückerinnerung an die klassische
Antike der schöpferischen Eigenbedeutung mittel-
alterlich europäischer Kunst Eintrag tut, so wenig
die Bildhauer von Reims und Bamberg durch solche
Beziehung zum Range von Nachahmern herab-
gewürdigt werden, so wenig vermag die Erkennt-
nis einer mehr oder minder folgenreichen Einwir-
kung antiker Kunst die Ehrfurcht vor der schöpfe-
rischen Leistung indischer Bildner zu mindern.
Wer als ideales Ziel der Geschichtschreibung den
Begriff der Weltkunst propagiert, sollte aber auch

um die Einordnung der griechischen Kunst be-
müht sein, denn so unhaltbar der Glaube an ihre
Alleingültigkeit ist, so ungerecht ist ihre Herab-
würdigung einem entgegengesetzt ästhetischen Ideal
zuliebe. Erst wenn die streitenden Parteien auf
dem Boden gegenseitiger Anerkennung sich finden
werden, wird auch jene vorurteilsfreie Betrachtung
der schwierigen Formprobleme, um deren Lösung
es geht, sich ermöglichen, die einen positiven
Fortschritt kunstgeschichtlicher Forschung auf die-
sem heut so umstrittenen Gebiete verspricht. Fin-
den die weiter reichenden Fragen altorientalischer
Kunst, die von der indischen Kunstgeschichte eines
Tages aufgerollt werden müssen, befriedigende Be-
antwortung, so wird auch die Sonderfrage nach
der Entstehung des Buddhabildes bessere Klärung
erfahren, als ihr durch isolierte Erörterung und po-
lemische Thesenbildung zuteil werden kann.

NEUE BÜCHER ÜBER OSTASIATISCHE KUNST

VON

CÜRT GLASER

Die Literatur über die Kunst des fernen Ostens ist im
Laufe der letzten Jahre so stark angewachsen, daß dem
nicht zunächst interessierten Fachmann die Ubersicht kaum
mehr möglich ist. Ein kurzer Bericht über die wesentlichen
Neuerscheinungen hauptsächlich der fremdsprachigen Litera-
tur wird daher willkommen sein. Nützliche Arbeit wurde
vor allem auf dem Gebiete der Erforschung chinesischer
Plastik geleistet. Zwei Werke sind hier in erster Reihe zu
nennen. Seit langem erwartet, erschienen die zwei ersten
Bände des Berichtes über die von Segalen, Gilbert de Voi-
sins und Lartigue in den Jahren 1914 und 1917 unternom-
menen Forschungsreisen nach den Provinzen Shansi und
Sze-ch'uan. Sie bringen im ersten Teile Aufnahmen der
Grabskulpturen, die der späteren Han-Zeit und vor allem
der Dynastie der Liang entstammen, großartige Monumente
der altertümlichen Tierplastik Chinas, von der Chavannes'
Bände nur eine unvollkommene Vorstellung vermittelt hatten.
Im zweiten Teile folgen weitere Grabmonumente der Gegend
von Nanking und buddhistische Skulpturen aus Sze-ch'uan.
Man kannte die jetzt veröffentlichten Photographien bisher nur
von Ausstellungen des Musee Guimet in Paris, in dessen
Annalen auch die ersten vorläufigen Berichte erschienen
waren. Ausgedehnte Reisen in China hat der schwedische
Gelehrte Osvald Siren unternommen. Als Ertrag legt er
einen dreibändigen Atlas mit Lichtdrucken vor, der eine
Ubersicht über das Gesamtgebiet chinesischer, vor allem
buddhistischer Plastik vermittelt. Ein umfangreicher Text-
band versucht das kunstgeschichtliche Ergebnis zu formu-
lieren. Zahlreiche sicher datierte und lokalisierte Denk-
mäler bilden das Gerüst einer stilgeschichtlichen Darstellung,

die zeitliche und örtliche Gruppen gegeneinander abzu-
grenzen und zu deuten unternimmt. Neu ist vor allem der
Versuch, den Sondercharakter der Hauptprovinzen des weiten
chinesischen Reiches zu bestimmen, der erst auf Grund
einer so ausgedehnten Materialkenntnis unternommen werden
konnte, wie sie Siren erworben hat und durch seine Auf-
nahmen vermittelt.

Das im gleichen Verlage der Brüder Benn in London
erschienene Buch von Ashton holt weiter aus, wird aber
durch Sir<§ns auf breiterer Grundlage unternommene Arbeit
in den Schatten gestellt und überholt. Wer allgemeine Be-
lehrung sucht und über die geschichtlichen Zusammenhänge
Aufklärung zu finden wünscht, wird trotzdem Ashtons Werk
mit Nutzen studieren. Fordert es an manchen Stellen zum
Widerspruch heraus, so bietet es doch eine im ganzen an-
nehmbare Darstellung chinesischer Plastik. Eine grund-
sätzliche Frage ist es, ob angesichts des nur sehr lücken-
haft überlieferten Materials die hervorragenden Denkmäler
in Japan erhaltener chinesischer oder von China abhängiger
japanischer Skulptur außer acht gelassen werden dürfen.
Der Referent ist hier anderer Meinung als der englische
Gelehrte und hat in einer Geschichte ostasiatischer Plastik
die Gesamtheit der festländischen und insularen Kunst unter
einheitlichem Gesichtspunkt zu behandeln unternommen.
Wiederum chinesische Plastik — vom Standpunkte des
Sammlers — behandelt Alfred Salmony in einem Bändchen,
das manche nützliche Hinweise enthält, wenn es auch unter
der Unsicherheit des Materials zu leiden hat, das der Kunst-
handel zuträgt. Der Verfasser ist durch seine eigene Ver-
öffentlichung der chinesischen Skulpturen des ostasiatischen

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