Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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CHRONIK DER MODE

VON

MARLICE HINZ

T^\ie ausgesprochene Tendenz zur Vereinfachung, Uniformie-
rung und Typisierung beginnt nachzulassen. Ökonomi-
sche Erwägungen, ein gewisses Freiheitsgetühl, ja eine Eman-
zipation von der überlieferten äußeren Erscheinung der Frau
haben ihr Recht nach einem eigenen Ausdruck ausgeübt.
Auch der Reiz des Primitiven, den wir in der Mode ebenso
wie bei den bildenden Künsten feststellen können, erweist
sich als vergänglich. Bleibend ist die Wirkung, die Sport
und Hygiene nach wie vor ausüben. Die von ihnen aus-
gehenden Kräfte haben die moderne Frau beweglich ge-
macht und damit die letzten Reste des starren Systems der
Generation vor uns beseitigt. Die sonst geübten Exzentrizi-
täten dienen wie immer nur dazu, die allgemeine Entwick-
lung zu beschleunigen und Reaktionen zu fördern.

Was die Mode im besonderen aus den starken Erneue-
rungsbestrebungen der letzten Zeit gewonnen hat, ist das
Wiedererkennen der Linie. Wir pflegen die anliegende Linie,
aus der sich folgerichtig der Schnitt entwickeln muß und
mit ihm das Material, das heute eng um den Körper mo-
delliert wird. Die Linienführung, die immer beim Ober-
körper ansetzt und im Rock ihre Triumphe zu feiern ge-
wohnt ist, wird in ihrer Wirkung behindert durch die noch
bestehende Kürze dieses modisch wichtigsten Bestandteiles

eines jeden Kleides. Die Kleidchen des letzten Winters,
die, hemdartig in einem Stück geschnitten, die Linie des
Oberkörpers fortzusetzen versuchten, stellten an sich die ge-
ringst mögliche Bekleidung dar und es darf wohl gesagt
werden, daß selbst ein Badeanzug eine betontere „Bekleidung"
darstellt als diese in Nichts aufgelösten Umhüllungen, die
ein völlig ignoriertes Dasein zu führen begannen, als das
Starsystem wildgewordener Beine diese immer höher hinauf
befreite und das Kleid im wahrsten Sinne des Wortes zu
verdrängen begannen.

Immer wieder aber hat, trotz dieses Interregnums, das
Kleid seine stärksten Reize versucht, als „Stilkleid" auf-
tretend, mit allem Reichtum, aller Phantasie und allen Raffine-
ments der Jahrhunderte, mit verfänglichem Reiz auch der
Frau unserer Zeit die Rolle in Erinnerung bringend, die sie
mit seiner Hilfe auf der Weltbühne immer zu spielen be-
rufen war.

Dieses Stilkleid beginnt die Vorherrschaft wieder zu
gewinnen. Wie immer sind die Frauen müde, allzulange
und überhaupt eine Richtung zu pflegen. Mit Schrecken
wohl haben Einsichtige unter ihnen auch festgestellt, daß
mit der begonnenen Einseitigkeit ein Verfall des ganzen
Metiers sich einstellen muß. Deshalb vor allem greift die

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